Von Andreas Kilb

Am Anfang steht ein Anfang oder sowas. "Die Geschichte von Moinous & Sucette. Ihre Liebesgeschichte. Sie sollte erzählt werden. Die Intensität der darin enthaltenen Hoffnung. Die Heftigkeit der möglichen Enttäuschung. Sie sollte auf die eine oder andere Weise erzählt werden."

Knapp, beiläufig, klar: kein Rezensent könnte einen besseren Einstieg finden als Raymond Federman. Nun kennen wir die handelnden Personen, ihre Wünsche, ihr Dilemma und die Absicht des Autors. Dürften wir noch um Zeit, Ort und Wetterbericht bitten? "Sagen wir, es ist ein Dienstag, als sie sich das erste Mal begegnen. Fast begegnen. Und sagen wir, es regnet. Bindfäden, der Stimmung halber... Und sagen wir, sie begegnen sich auf der Straße. Irgendwo auf den Straßen New Yorks, nahe der Innenstadt."

Jetzt, sagen wir, könnte die Geschichte beginnen. Moinous und Sucette treffen sich an einem verregneten Dienstag in New York, verlieben sich ineinander und werden ein Paar. Wir wissen, wie diese Liebe enden wird, zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Moinous, der arbeitslose Emigrant aus Frankreich, Sucette, die Studentin aus reichem Hause. Sie lächeln sich zu, und etwas entwickelt sich. Eine Liebesgeschichte oder sowas.

Aber auf einmal läßt Federman die beiden im Regen stehen und wendet sich anderen Dingen zu. Moinous hat nämlich keinen Schirm dabei, weil... das muß man erzählen, auf die eine oder andere Weise. So geraten wir in Moinous’ Vergangenheit hinein, erfahren von seiner Militärzeit im Korea-Krieg, verirren uns in seiner armseligen Tellerwäscher-Existenz, erwachen drei Seiten später wieder im Zwiegespräch der beiden Liebenden, hören von Sucettes Schreibversuchen, beobachten abwechselnd Moinous, Sucette oder beide – und gleiten allmählich in einen Strudel aus erfundener Zeit, in dem Vorher und Nachher ineinander übergehen, sich auflösen und endlich ganz verschwunden sind.

Sechzig Seiten lang steuern wir vor- und rückwärts, kreuz und quer durch Moinous’ und Sucettes Liebesgeschichte, ohne Fahrplan, ohne Ziel. Zwischendurch stolpern wir immer wieder über heimtückische Konjunktive: "Denn schließlich könnten Moinous & Sucette tatsächlich zusammenkommen .. .". Haben wir denn Moinous nicht eben noch am Tisch bei Sucettes Eltern sitzen sehen, in dieser höllischen Runde von white anglosaxon protestants, die den kleinen Franzosen zu bizarren Sexualphantasien anregen? Hat die Geschichte vielleicht noch gar nicht angefangen?

In diesem Moment, nach sechzig Seiten Irrfahrt, deckt der Spieler Federman eine Karte auf. Die Karte heißt Kafka. "Der Anfang jeder Novelle", schreibt Kafka, zitiert Federman, "ist zunächst lächerlich. Es scheint hoffnungslos, daß dieser neue, noch unfertige, überall empfindliche Organismus in der fertigen Organisation der Welt sich wird erhalten können ... Allerdings vergißt man hierbei, daß die Novelle ... ihre fertige Organisation in sich trägt, auch wenn sie sich noch nicht ganz entfaltet hat; darum ist die Verzweiflung in dieser Hinsicht vor dem Anfang einer Novelle unberechtigt; ..." So endet das erste Kapitel, zwei weitere folgen. Vielleicht müssen wir nur die Laufrichtung, sprich: die Richtung des Lesens ändern, um zu verstehen.