Von Raimund Hoghe

Unser Michael“ war er nie. Weder olympisches Gold noch vier Weltmeistertitel konnten ihn zu jedermanns Liebling machen. Anders als das „Liebesverbot für Boris“ erregte auch sein Privatleben die Nation nur wenig. In Interviews hält er sich „bedeckt“ und achtet darauf, „daß man keinen Anlaß für eine reißerische Schlagzeile gibt“.

Wenn Michael Groß außerhalb, von Wettkämpfen trotzdem einmal Schlagzeilen machte, dann in der Regel nur deshalb, weil er tat, was „man“ nicht tut: zum Beispiel zum „Sportler des Jahres“ gewählt zu werden und zur Ehrung nicht zu erscheinen, weil einem die Vorbereitungen auf einen Wettkampf wichtiger sind als das gesellschaftliche Ereignis. Oder beim dritten Mal in der sich feiernden Sport-Society zu erscheinen und keine Krawatte zu tragen. „Der Groß spinnt“, habe es da geheißen und wenig freundliche Kommentare gegeben. An seiner „absoluten Krawattenfeindlichkeit“ mochte das jedoch nichts ändern. „Ich sehe nicht ein, daß man so was braucht, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden. Ich hab’ noch nie in meinem Leben, außer bei der Bundeswehr, so ein Ding umgehabt.“

Das Image, „ein sturer Bock zu sein“, bekam er schon als 16jähriger. „1980 hab’ ich ein, zwei Journalisten abblitzen lassen – da hatte ich das Image weg.“ Trotzdem: „Ich bin froh, daß ich es so gemacht habe. Der Nachteil ist: es hat vier, fünf Jahre gebraucht, das Image abzubauen“, bemerkt Michael Groß und findet es rückblickend „schon schwierig, mit 16 das Ganze geregelt zu kriegen“. Zu 90 Prozent habe er die ganze Öffentlichkeitsarbeit selbst gemacht: „Ich wollte das so und hatte von Anfang einen Stil da drin. Im Prinzip ist das nach wie vor so, nur daß ich heute diplomatischer reagiere, zugänglicher bin – aber an meinen Prinzipien, die für mich wichtig sind, hat sich nichts Wesentliches geändert“, erklärt der 23jährige und stellt Fest: „Pflegeleicht bin ich nicht – werde ich auch nie.“ Ans Herz der Medien läßt er sich nicht drücken. „Man darf sich nicht ans Herz drücken lassen“, sagt er und überlegt: „Dann kann man auch nicht weggedrückt werden.“

Offenbach, Waldschwimmbad. Am Rand des Beckens sind zwei Bahnen für die Schwimmer des EOSC Offenbach abgesteckt Daneben schwimmen zwei ältere Damen. Michael Groß ist noch im Kraftraum. Er sei gleich fertig und gehe dann ins Wasser, sagt er und rät mir, einstweilen zu relaxen. Wenig später steht er am Beckenrand und macht ein paar Lockerungsübungen, guckt mich abwartend an und meint, daß es vielleicht ein bißchen langweilig sein könnte, ihm eine knappe Stunde beim Schwimmen zuzusehen. Er erzählt von seinen für die Funk Uhr gemachten Interviews mit Steffi Graf, Bernhard Langer und Franz Beckenbauer und seinem Versuch, dabei die immer gleichen. Fragen zu vermeiden, die ihm im allgemeinen gestellt werden. „Man wird nicht innerhalb eines Jahres zwei Jahre älter“, meint er und steigt kurz darauf ins Wasser: „Ich geh’ ein bißchen paddeln.“

Während der als „Albatros“ bewunderte Schwimmer ruhig durchs Wasser gleitet und mal mit Paddels an den Händen und zusammengebundenen Füßen seine Bahnen zieht, erklärt sein Trainer Hartmut Oeleker, daß in diesem Jahr von dem elfmaligen Europameister nicht unbedingt Weltrekorde zu erwarten seien: eine Schulterverletzung, die er sich Anfang des Jahres beim Krafttraining zuzog, behindert ihn noch immer. Als Groß vor wenigen Wochen bei den Deutschen Meisterschaften in Sindelfingen nur als Siebenter ins 200-Meter-Freistil-Finale kam, sah ihn die Konkurrenz jedoch zu früh geschlagen; den Endlauf gewann der Weltrekordinhaber wieder in Jahresweltbestzeit.

Michael Groß, ein Schwimmer, der mit 23 Jahren alles erreicht hat, was ein Schwimmer erreichen kann“, so Hartmut Oeleker. „Er ist jetzt sieben Jahre an der Weltspitze – das hat selbst Mark Spitz nicht geschafft, so lange vorn zu bleiben.“ Neben seinem Talent, dem Trainingsfleiß und Streben nach Perfektionismus sei ein Geheimnis seines Erfolgs, daß er sich nicht ablenken lasse. „Wenn er trainiert, trainiert er.“ Lebensinhalt soll das aber nicht sein. Michael Groß: „Wenn ich das Schwimmbad verlassen habe, habe ich das Schwimmen vergessen.“ Seinen Vorschlag, das Interview am Rande des Wassers zu machen, nimmt er nach dem Training auch gleich wieder zurück. Am liebsten gehe er so schnell wie möglich wieder aus dem Schwimmbad, bekennt der Frankfurter und fährt mich im Sportwagen in eine bürgerlich-idyllische Äppelwoi-Wirtschaft.