Eine Reise ins tiefe Afrika

Von Hans Christoph Buch

Ich hatte meinen Impfpaß vergessen. Die senegalesischen Einreisebeamten hätten mich unter Quarantäne gestellt, wenn ein deutscher Freund, der mich um vier Uhr früh, bei 36 Grad Celsius, am Flughafen erwartete, mir nicht heimlich seinen Impfpaß zugesteckt hätte. Wir fuhren durch die nachtdunklen Straßen von Dakar, vorbei an Bettlern und Obdachlosen, Wachmännern und Prostituierten, die in Hauseingängen gekauert schliefen, zum Novotel. „Zuerst muß ich Sie nach Waffen durchsuchen“, sagte der Pressesprecher des ANC (African National Congress).

Es dauerte lange, bis ich ihm klargemacht hatte, daß ich kein südafrikanischer Spion war, sondern ein deutscher Schriftsteller, der auf Einladung von Breyten Breytenbach nach Dakar gekommen war, um am Treffen der weißen Apartheidsgegner mit den Führern des ANC als Beobachter teilzunehmen. Die Nervosität des ANC-Mannes war verständlich: Schon im Vorfeld der Begegnung, deren Ort und Zeit bis zuletzt geheimgehalten worden war, hatte es Drohungen und Einschüchterungsversuche aus Pretoria gegeben; aus der Sicht der dortigen Regierung begingen die weißen Südafrikaner, die sich in Dakar mit den Führen des ANC trafen, um über die Zukunft ihres Landes zu sprechen, Hochverrat.

Nachdem Volkstanzgruppen unter den strengen Blicken der rotuniformierten Präsidentengarde zum Empfang der Delegierten das landesübliche, ohrenbetäubende Tamtam veranstaltet hatten, machte mich Breyten Breytenbach mit den Vertretern des ANC und den weißen Apartheidsgegnern bekannt. Allen voran Frederick van Zyl Slabbert, ehemaliger Oppositionsführer im südafrikanischen Parlament, dem er nicht länger als Feigenblatt zur Bemäntelung der Regierungspolitik angehören mochte; seit seinem Austritt aus der PFP (Progressive Federal Party) leitet er das Institut für eine demokratische Alternative in Südafrika (IDASA), das als Plattform für die Gespräche in Dakar diente; Beyers Naudé, Ex-Präsident des südafrikanischen Kirchenrats, der wie seine Frau Ilse fließend deutsch sprach und die liebenswerte Angewohnheit besaß, jede Frage, die ich ihm stellte, Wort für Wort zu wiederholen, bevor er sie beantwortete – ein couragierter Christ, der zusammen mit seinen Amtsbrüdern Allan Boesak und Desmond Tutu seit Jahren die Rassentrennung bekämpft; der Schriftsteller André Brink, dessen Romane in zahlreiche Sprachen übersetzt worden sind, und Heribert Adam, Soziologe aus der Frankfurter Schule, der eines der kenntnisreichsten Bücher über Südafrika geschrieben hat (zusammen mit Kogila Moodley: „Südafrika ohne Apartheid?“, Suhrkamp Verlag): Kirchenführer und Parlamentsabgeordnete, Studenten und Professoren, ein Arzt, der die Delegierten mit Pillen gegen Durchfall und Malaria versorgte, ein Architekt, der in den Verhandlungspausen die Bibel las, ein Farmer, ein Filmregisseur und eine Schauspielerin – mehr als fünfzig Personen, die einen repräsentativen Querschnitt durch das intellektuelle Establishment der weißen südafrikanischen Minderheit darstellten.

Auf der anderen Seite die Vertreter der schwarzen Bevölkerungsmehrheit, die von der Teilnahme am politischen Leben Südafrikas nach wie vor ausgeschlossen ist: eine hochrangige Delegation des ANC unter Leitung von Thabo Mbeki, Informationsdirektor und designierter Nachfolger des ANC-Führers Oliver Tambo, der seinerseits den seit über 25 Jahren in Robben Island inhaftierten Nelson Mandela vertritt.

Ermordet, erstochen