Der farbige, stets knapp sitzende Kampfanzug eines spanischen Toreros heißt in der Sprache des Stierkampfs „Lichtgewand“. Funkelnde Perlen, glänzender Brokat und eine phantasievoll gestickte Seidenornamentik haben der Tracht des Stierkämpfers diesen Namen gegeben. Seit der Stierkampf Ende des 17. Jahrhunderts seinen Einzug in Königs- und Fürstenhöfe, in Arenen und staubige Dorfplätze hielt, war ein Kleidungsreglement stets streng vorgeschrieben; je prächtiger sein „traje de luces“, sein Lichtgewand war, um so sicherer konnte der Held schon beim Einmarsch in die Arena mit dem Beifall des Publikums rechnen.

Ein junger, kaum dreißigjähriger Torero hat jetzt mit der jahrhundertealten Tradition gebrochen: Der in Spanien relativ unbekannte Stierkämpfer Luis Reina ließ Ärmel und Beinkleider seines pompösen Lichtgewandes in zutiefst vordergründiger Absicht verfremden. Zwischen goldgewirkter Stickerei, Perlen und Verzierungen prangen in sattem Dunkelrot auf hellblauem Grund die vier Buchstaben einer japanischen Elektronikfirma, die mit Musikgeräten in den spanischen Markt einsteigen will. Ihrem neuen Werbeträger zahlten die japanischen Sponsoren zwei Millionen Peseten, umgerechnet fast dreißigtausend Mark.

In Spanien hält man es nach diesem Durchbruch nur noch für eine Frage der Zeit, bis die ganz Großen der Corrida als Werbeträger in die Arenen einmarschieren: Immerhin ist auf der tiefroten Muleta, die vor dem angreifenden Stier geschwenkt wird, für Reklame- und Werbesymbole viel Platz. Wer will verhindern – so einige sarkastische Kommentare –, daß dem Stier vor dem Kampf noch der Name einer Cognacmarke eingebrannt wird; schließlich wirbt an Spaniens Horizonten das Symbol des Toro schon längst für Hochprozentiges.

Gewiß ist auch der spanische Stierkampf schon vor dem Einzug der auf Publicity bedachten Japaner vermarktet worden; einflußreiche Züchter haben mit ausgeprägtem Geschäftssinn darauf geachtet, daß sich die Arenen füllten – und oft genug hat ein schwacher Torero seinen schlechten Auftritt mit der Ungnade der Allgewaltigen bezahlt, die ihn einfach für den nächsten Kampf nicht mehr aufgestellt haben. In vielen Orten Spaniens, ganz besonders in den touristischen Zentren, ist die Corrida zu einem lärmenden Spektakel geworden, das mit der angeblich so hehren Zunft des Stierkampfs nicht mehr viel gemein hat. Wer wollte es also jenem jungen Torero verargen, daß er sich an den Stars des Sports orientiert und seinen gefährlichen Auftritt in der Arena so teuer wie möglich verkauft?

Doch, ist, seit sich Luis Reina zum Werbeträger degradieren, ließ, ein: neues, schwer kalkulierbares Element in den spanischen Stierkampf eingezogen: Seriöse Kritiker befürchten, daß die Neigung des Toreros zum publikumsträchtigen Auftritt, zu Effekthascherei und mätzchenhaftem Starkult nun nicht mehr zu bremsen sein wird – erst recht, wenn das Fernsehen seinen Auftritt vom Anfang bis zum Ende überträgt.

Wenige Stunden haben genügt, den fast unbekannten Luis Reina in ganz Spanien populär zu machen. Auf in die Werbung, Torero!

Volker Mauersberger