Von Rolf Zundel

Bonn, im August

So ungefähr hätte sich Johannes Rau, als er Kanzlerkandidat war, die politische Landschaft wohl gewünscht: eine zerstrittene Union, die SPD nur unscharf zu erkennen, aber was von ihr sichtbar wird, in mildes Licht getaucht: keine Personaldiskussion; von Enkeln und Nachfolgern keine Rede; die Bündnisdebatte fast eingeschlafen. So jedenfalls wird die Landschaft von den Sozialdemokraten geschildert, und nicht ohne Grund.

Tatsächlich scheint die Partei weniger aufzufallen und weniger anzuecken als früher. Es ist nicht viel mehr als ein Jahr her, als es innerhalb der SPD und zwischen den Parteien noch heftig umstritten war, ob sich der niedersächsische Spitzenkandidat Gerhard Schröder von den Grünen gegebenenfalls zum Ministerpräsidenten wählen lassen dürfe; für den Schleswig-Holsteiner Björn Engholm scheint das kein wählerbewegendes Problem mehr zu sein. Die Grünen, einst Schreckgespenst, werden ohnehin ziemlich dilatorisch behandelt. Und nicht einmal Björn Engholms Ankündigung, er werde nach einem Regierungswechsel die Kernkraftwerke stillegen, treibt die Emotionen hoch.

Von Willy Brandt gibt es keine Interviews, die dem neuen Parteivorsitzenden auf den Magen schlagen wie damals dem Kandidaten Rau die Bemerkungen über dessen Wahlchancen. Brandts Enthaltsamkeit hat Vogel die Arbeit sehr erleichtert. Frankfurter und Seeheimer, jene SPD-Kreise, die früher immer für eine Kontroverse gut waren, führen demonstrativ einen sachlichen Dialog. Fraktion und Partei arbeiten fleißig und diszipliniert. Die Aussicht, in Schleswig-Holstein und Bremen auf leisen Sohlen zu respektablen Wahlergebnissen zu gelangen, ist gar nicht schlecht.

Das alles ist ein wenig zu schön, um ganz wahr und vor allem: um dauerhaft zu sein. Aber wer will es den Sozialdemokraten verdenken, daß sie die ungewohnte Situation zunächst einmal genießen und versuchen, soweit es ihnen moglich ist, das Feuer in der Koalition-zu schüren – durch einen Brief an Bundestagspräsident Jenninger mit der Frage, ob die Fraktionsgemeinschaft zwischen CDU und CSU eigentlich noch rechtens sei, durch ein Schreiben an den Kanzler, in dem die Entscheidung über die Pershing I a angemahnt wird, durch sarkastische Bemerkungen über die Wortwahl von Strauß und die Führungsqualität des Kanzlers. Zu verstehen ist schon, daß die neue Geschäftsführerin Anke Fuchs der Zerrissenheit der Union die "ruhige, gediegene" Arbeit der SPD gegenüberstellt und daß sie verkündet, die Union werde immer nervöser, die SPD immer fröhlicher. Solche Sprüche, vor allem dann, wenn sie sogar noch eine gewisse Plausibilität haben, gehören zum politischen Geschäft.

Warum sollte die SPD diese Situation nicht nutzen? Immerhin ist es möglich, ja wahrscheinlich, daß die CDU in den nächsten Landtagswahlen Federn lassen muß, daß die ohnehin schon aus dem Ruder gelaufene Strategiediskussion der Union dann mit wechselseitigen Schuldzuweisungen weitergeführt und die ohnehin schwierige Steuerdebatte noch zusätzlich ideologisch aufgeladen wird. Damit kann die Nervosität im Koalitionslager sich noch steigern und der Kanzler zur bedauernswerten Figur werden.