/ Von Henning Engeln

Obwohl in den letzten 50 Jahren zahllose Abkömmlinge des Morphins (früher: Morphium) synthetisiert worden sind, bleibt diese Substanz das Schmerzmittel par excellence. Selbst die Entdeckung der körpereigenen Opiate, der Endorphine, im Jahr 1975 hat die Hoffnungen der Mediziner nicht erfüllt, ein dem Morphin ebenbürtiges Schmerzmittel zu finden, das nicht süchtig macht. Dennoch hat die Erforschung der Endorphine und des Schmerzgeschehens zu neuen Methoden der Schmerzbekämpfung geführt und einiges Licht in die schmerzdämpfende Wirkung von Streß und Akupunktur gebracht.

Eine zunehmend angewandte Methode ist die Gabe von Morphin direkt in das Rückenmark. Bei dieser Art der Anwendung sind geringe Mengen ausreichend, und unerwünschte Wirkungen auf das Gehirn, wie Euphorie und Hemmung der Atmung lassen sich weitgehend vermeiden. Durch die kleineren Dosen und die Umgehung des Gehirns ist die Suchtgefahr reduziert.

Der australische Neurochirurg Michael Cousins sprach während des Internationalen Welt-Schmerzkongresses in Hamburg sogar von einer neuen Ära bei der Bekämpfung des akuten Schmerzes. Nach Injektion von Opiaten in das Rückenmark könnten Patienten bereits einen Tag nach einer schweren Operation aufstehen und gehen. Verglichen mit einer Gabe in den Muskel sei die Komplikationsrate nach risikoreichen Operationen erheblich geringer, etwa die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Störungen oder Infektionen, und der schmerzstillende Effekt sei besser. Nicht nur zur Linderung akuter Schmerzen, sondern vor allem bei Krebspatienten wird Morphin ins Rückenmark injiziert. Wie Cousins erläuterte, bestehe die beste Methode darin, einen Katheter ins Rückenmark zu legen und das Morphin mit einer kleinen Infusionspumpe zuzuführen, so daß es die Kranken selbst dosieren können.

Da die Nerven der Kopfregion nicht über das Rückenmark verlaufen, muß bei Patienten mit Krebs im Mund- und Gesichtsbereich die schmerzlindernde Substanz in die Nähe des Gehirns gebracht werden. Französische Forscher injizieren deshalb bei solchen Patienten seit zwei bis drei Jahren Morphin direkt in die Gehirnkammern (Ventrikel), berichtete der Pariser Anästhesist Jean-Marie Besson auf dem Schmerzkongreß.

Warum Injektionen von Morphin in die Hirnkammern und insbesondere ins Rückenmark eine bessere Wirkung haben als das Schlucken von Tabletten oder das Spritzen in die Blutbahn, wird verständlich, wenn man den Weg des Schmerzreizes vom Entstehungsort bis ins Großhirn, wo er bewußt wird, verfolgt: In der Haut und in den Organen sitzen spezielle Schmerzrezeptoren, die bei einer Verletzung oder Erkrankung erregt werden und die die Schmerz-Information über bestimmte Nervenfasern ans Rückenmark weiterleiten. Dort wird die Information über komplizierte Verschaltungen auf andere Nervenzellen übertragen und ins Gehirn weitergeleitet.