Von Werner Hofmann

Während in der Bundesrepublik Kunst als Freizeitspaß verschlissen wird, leistet sich das heitere Österreich kulturkämpferische Unduldsamkeit. Vor einer der beliebtesten Kulissen seines Fremdenverkehrs stellt es die Frage nach seiner Identität. Sind die Österreicher dabei, sie preiszugeben oder – im Trotzbündnis mit ihrem Waldheim – überhaupt erst zu entdecken?

Die katholische Kirche hat jetzt in der Salzburger Collegienkirche von ihrem Hausrecht Gebrauch gemacht: Einen zweiten Tabori-"Skandal" wird es nicht geben. Gegen diese apodiktische Trennung von Glaubenswahrheit und Kunstwahrheit ist Einspruch zu erheben – nicht nur im Namen der Freiheit der Kunst, sondern im Namen einer Religion, deren klügste Köpfe den Umgang mit Kunst und Künstlern stets radikal anders praktizierten. So Monsignore Otto Mauer, der große Vordenker der Wiener katholischen Intelligenz, der 1946 schrieb:

"Der Künstler vollzieht das unerbittliche Gericht über sich und seine Zeitgenossen; er steht auf der Seite des kommenden Christus mit jenem Fanatismus der ungeschminkten Wahrheit, die das Zeichen aller echten Prophetie ist. Er fürchtet die Zerstörung der geliebten Erde nicht, er glaubt zu tief an sie und ihre Ewigkeit. Er hilft am Abbruch des vermorschten Weltgebäudes mit, legt selber Hand an zur Vernichtung; er schürt die fressenden Feuerbrände und reißt die Sterne vom Himmel; er löscht die Sonnen und verheert die blühenden Felder, er führt den Tanz der wilden, alles verschlingenden Wogen an und seine Stürme brechen krachend die ragenden Gipfel der Wälder; er scheut sich nicht, die schönsten Leiber zu versehren, sie mit Fäulnis zu umgeben und bis aufs nackte Gebein zu entblößen. Es ist ein fiebernder, brennender Wahn der Zerstörung, der ihn antreibt. Denn er plant die Auferstehung der Toten! Er glaubt die Verklärung des Fleisches! Er hofft die ‚Vergottung‘ der Erde für sich und alle Welt – die Apokatastasis des ganzen und einen Kosmos!"

Gewiß, solche Visionen übersteigen den Horizont des Kirchenvolkes und leider auch den seiner Betreuer. Aber den Salzburger Universitätsprofessoren, die sich mit dem Erzbischof solidarisierten, sollten sie doch zugänglich sein. Statt das zu tun, was einer Herausforderung von Rang ebenbürtig ist, nämlich sie anzunehmen, zieht sich die Amtskirche auf Fragen der Angemessenheit zurück Das war immer der einfachste Weg, Unbequemes sich vom Leib zu halten. Wenn Jedermann bieder spottet

... die Pfaffen drohen halt gern. Das ist nun einmal ihr Sach in der Welt, Ist abgesehen auf unser Geld,

so läßt man das zu Füßen des Domes hingehen, denn die Bilderbuchbekehrung hat das letzte Wort. Wenn auf dem öffentlichen Domplatz für die christliche Heilslehre geworben wird, wenn Fußballstadien für päpstliche Messen herhalten dürfen, muß man im Gegenzug auch hinnehmen, daß das Theater den Kirchenraum beansprucht. Bekanntlich fand man am Spektakel auch nichts auszusetzen, solange der Klerus die Würde des Kirchenraumes gewahrt sah. Jetzt kommt das Veto. Zwar ist das Bündnis von Altar und Thron auch in Österreich längst aufgehoben, dennoch oder gerade deswegen möchte die Machtkirche keinen Schritt von der durch die Jesuiten eingeläuteten Zweckehe von religiöser Schauhandlung und theatralischem Gepränge abweichen. Wenn, wie schon Jean Paul bemerkte, die Narren- und Eselsfeste, die Mysterienspiele und die Spaßpredigten am ersten Ostertage in die andächtigsten Zeiten fielen, versteht es sich von selbst, daß sie in unserer Zeit zur Blasphemie verkommen würden.