Hösbach

Ein Bazillus grassiert, kein Dorf, keine Stadt ist vor ihm sicher: die Festivitis. Landauf, landab feiern die Deutschen, am liebsten auf Straßen und Plätzen, Ellenbogen an Ellenbogen, Wurstpappe in der einen, Bierbecher in der anderen Faust. Dieser Festrausch ist für manchen Bürger inzwischen so nervtötend wie die sommerlichen Mückenschwärme. Vor allem, wenn die eigene Ruhe gestört wird. Richter müssen ein Machtwort sprechen. So wie jüngst in Hösbach. Drei Festtage im Jahr seien genug, befand das Würzburger Verwaltungsgericht. Nicht nur durch die 12000-Seelen-Gemeinde im nördlichsten Zipfel Bayerns ging ein Aufschrei kollektiven Entsetzens.

„Da wird von einem einzelnen Anlieger einem ganzen Dorf das Gemeinschaftsleben kaputt gemacht“, empörte sich Bürgermeister Ulrich Bergmann in der Lokalzeitung. Gemeint sind die Familie Lampert – ihr Haus steht in vorderster Linie am Festplatz des Ortes, nur durch eine Hecke vom Trubel getrennt – und die Hösbacher Vereine. Sie vor allem bestimmen das Gemeinschaftsleben, wie in vielen Dörfern und Kleinstädten ohne Kino, Disco, Theater.

Seit 25 Jahren, sagen die Alteingesessenen, gäbe es ihren Festplatz an der „Maas“ im Norden des Dorfes. Und der wird gern und kräftig genutzt. Bei 40 Vereinen allein im „Alt-Dorf“ mit seinen 8000 Einwohnern gibt es immer einen Grund zum Feiern. So an die 18 Tage im Sommer sei wohl schon was los gewesen, meint Robert Hain, Sprecher der Ortsvereine und CSU-Gemeinderatsherr. Für dieses Jahr waren sieben Feste geplant. Von den Geflügelzüchtern über den SPD-Ortsverein bis zu den Kegelbrüdern – sie alle wollten ins 3000 Leute fassende Festzelt bitten. Aber daraus wird ja nun nichts.

„Wir haben nichts gegen Feste, aber das nimmt hier langsam überhand“, sagt Donka Lampert. Eine Feststellung, die wohl nicht nur auf Hösbach zutrifft. Für den Landkreis Aschaffenburg mit seinen 20 Gemeinden und 800 Vereinen sind im Veranstaltungskalender für dieses Jahr knapp 120 Feste aufgezählt. Es gibt sogar Leute, die schätzen die Festzahl auf 2000 im Landkreis. Schützen, Musiker, Geflügelzüchter, Radfahrer, Hobbyphotographen – alle wollen feiern. Durchschnittlich zwei bis drei Tage am Wochenende. Deutschlands gut 100 000 Vereine könnten die Republik flächendeckend mit Festivitäten überziehen.

Aber nicht nur der Lärm aus phonstarken Musikboxen und alkoholgelösten Kehlen vergällt manchem Anlieger die Feierei. Donka Lampert zählt weiter auf: „Fettige Wurstpappen im Briefkasten, Kaugummi auf den Klingelknöpfen, Straße und Garageneinfahrt tagelang zugeparkt, Glasscherben im Garten, Autofahrer, die nachts Kavalierstarts üben und Rallye fahren.“ Nach einer Pause fügt sie hinzu: „Am schlimmsten ist, daß die Festbesucher nicht die Toiletten in der Schule benutzen, sondern sich an unsere Hecke stellen und hocken. Auch am hellichten Tag. Und wir haben daneben unsere Terrasse.“

Das Würzburger Gericht begnügt sich nun nicht damit, nur solch profane Störungen zu monieren. In seiner Urteilsbegründung schreibt es: „Früher beschränkte sich das dörfliche und kleinstädtische Festgeschehen auf die Kirchweih. Der mit diesem Fest verbundene Trubel wurde von der Bevölkerung allgemein akzeptiert. Seit geraumer Zeit veranstalten jedoch in zunehmenden Maße die öffentlichen Vereine Wein- und Bierfeste für die Allgemeinheit, um sich auf diese Weise zusätzliche Einnahmen zu verschaffen. Nach Ansicht der Kammer handelt es sich dabei um eine Fehlentwicklung, der die Gemeinden entgegenwirken sollten, anstatt sie noch zu fördern.“ Und weiter: „Mit der Veranstaltung von Wein- und Bierfesten im größeren Ausmaß und damit notwendigerweise im Freien stören die Vereine die Nachtruhe der Anlieger, gefährden unter Umständen deren Gesundheit und darüber hinaus durch Förderung des Alkoholmißbrauchs die Volksgesundheit ganz allgemein und treten schließlich auch in einen allmählich existenzbedrohenden Wettbewerb zum Gaststättengewerbe.