Der Mann muß ein ganz anderes feeling gehabt haben. „Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß“, dichtete der Dichter, und wir Heutigen denken uns, das war, als die Sommer noch Sommer waren und/oder elegante Poeten wie er in den heitersten Gegenden zu verweilen pflegten. Nun dauert der Sommer, rein kalendarisch gesehen, in diesen Breiten noch vier Wochen. Aber heute schon deutet nichts darauf hin, daß wir dem Herbst dann mit dieser inneren Gelassenheit ins Auge sehen werden – gar nichts.

Die Unruhe begann in den letzten Juli-Tagen. Ließ sich nur das kleinste Zipfelchen Azur am Himmel sehen, rannte jedermann hinaus, um per ultraviolette Strahlen Vitamin-B-Vorräte zu sammeln. Schickte das nordatlantische Tief ausnahmsweise keine Schauer über das Land, griffen Gartenbesitzer hektisch zum Rasenmäher – die Regenpause würde kurz sein. In den Reisebüros wurden Flugtickets in den Süden vorzugsweise durch Duell vergeben, und wer konnte, schaffte sich fluchtartig über die Alpen. Die Zuhausegebliebenen aber fühlten, wie ihnen die Tage im Regen zerrannen, und schwer senkte sich der ewig graue Himmel auf die Seele.

In dieser Situation nun kommen Leute daher und verkünden Eckdaten, die angetan sind, dieses Lebensgefühl total zu verhöhnen. Zwar bestätigen die Meteorologen äußerst sachlich einen bis jetzt eher schlechten Sommer. Als solcher aber bleibe er durchaus im Rahmen des Üblichen – nix monströs Herausragendes. Rein sonnenstunden- und temperaturmäßig habe der Juli sogar über dem Durchschnitt gelegen, wobei die erste hochsommerliche Hälfte wohl mächtig zu Buche schlug. Allerdings hat es an südlichen Orten viel mehr geregnet als sonst. Weshalb wir Nordlichter doch irgendwie erleichtert waren, nicht auch noch diese frohgemuten Anrufe aus dem Bayerischen verarbeiten zu müssen.

Die Meteorologen haben sich nicht in den Vordergrund gedrängt. Sie werden sich hüten. Erleben sie in diesen Tagen doch, daß eine schwer tiefdruckgeschädigte Bevölkerung in spontanen Anrufen ihrem Herzen mit dem Ratschlag Luft macht, sie sollten endlich mit dem Sauwetter aufhören oder ihr Geld zurückgeben. In ihrer hilflosen Liebenswürdigkeit erfinden die Wettermänner dagegen immer neue Formulierungen: Strichweise Regen, wiederholte Schauer, wechselnd bewölkt... Allein, es nützt nichts.

Man wird einwenden, daß Gemüter eben mit Gefühls- und nicht mit Durchschnittswerten arbeiten: Ein Tag mit Regen bleibt ein Regentag, selbst wenn die Sonne laut Wetteramt 37 Minuten und 13 Sekunden geschienen hat. Den tieferen Grund für das dramatische Auseinanderfallen von Expertendaten und Bevölkerungsstimmung haben sensible Beobachter längst woanders ausgemacht. Was es heißt, in einer Klimazone zu leben, deren Charakteristikum die Veränderlichkeit ist, erlebt man in dieser ganzen unerbittlichen Tragweite besonders, wenn das Surfbrett wieder mal vergeblich aufs Dach geschnallt wird und der Großraumgrill wegen Nieselregens nicht zum Einsatz kommt. Überhaupt, seit wir die Verläßlichkeit südlicher Sonne kennen, sehen wir die heimische Gemengelage mit ganz anderen Augen.

Nun ist es diesem Land ja gelungen, die Lebensqualität überall anzuheben: Die Wohnungen sind gestylter, die Mahlzeiten kulinarischer, die Autos perfekter geworden. Nur das Wetter, das hat mit dieser allgemeinen Entwicklung überhaupt nicht schritthalten können. Das ist so lausig unvollkommen geblieben, wie es wahrscheinlich schon war, als die alten Germanen ihre Trips planten. Selbst Rainer Maria Rilke fuhr, großer Sommer hin, großer Sommer her, am liebsten in den Süden. Ulla Plog