In Südkoreas Automobilfabriken, in den Bergwerken und auf den Schiffswerften ruht die Arbeit. Die Streikwelle, die Hunderte von Betrieben erfaßt hat, fordert das Regime in Seoul heraus.

Eher werde er sein Unternehmen schließen, als freie Gewerkschaften zu akzeptieren, hat Lee Byung-Chull, Chef des Samsung-Konzerns einmal gesagt. Lee gründete Samsung 1938 als kleine Handelsfirma. Heute herrscht er über ein Imperium von 29 Firmen mit einem Gesamtumsatz von 11,5 Milliarden Dollar. Samsung, dessen Produktionspalette von der Unter-, haltungselektronik bis hin zu Flugzeugtriebwerken reicht, dem Hotels und eine Zeitung gehören, steht auf der Rangliste der weltweit größten Unternehmen an 35. Stelle.

So wie Lee denken auch die anderen Bosse an der Spitze der chaebols – jener riesigen Industriekonglomerate, die Südkoreas Wirtschaft bestimmen. Der Auto- und Schiffsbaukonzern Hyundai sperrte am vergangenen Montag 63 000 Arbeiter als Antwort auf die wilden Streiks mehrerer tausend Beschäftigter aus. Etwa 20 000 Arbeiter besetzten daraufhin vorübergehend sechs Hyundai-Werke in der Stadt Ulsan, nachdem sie die Fabriktore mit Vorschlaghämmern aufgebrochen hatten, und lieferten sich Straßenschlachten mit der Bereitschaftspolizei. Arbeitskämpfe in Südkorea werden mit harten Bandagen ausgefochten.

Die Streikwelle, die Hunderte von Betrieben stillgelegt hat, begann Anfang Juli, nachdem das Regime von Präsident Chun Doo Hwan den Forderungen der Opposition nach einer Demokratisierung Südkoreas nachgegeben hatte. Ron Tae Woo, der Vorsitzende und Präsidentschaftskandidat der regierenden Demokratischen Gerechtigkeitspartei, hatte am 29. Juni direkte Präsidentschaftswahlen, die Freilassung der politischen Gefangenen und die Aufhebung der Pressezensur versprochen. Dem Einlenken des Regimes waren Demonstrationen in allen größeren Städten des Landes vorausgegangen.

Der Protest gegen das Regime wurde vor allem von den Studenten und den Kirchen getragen; eine immer größere Zahl von Angehörigen des Mittelstandes schloß sich ihm an. Die Arbeiter hingegen beteiligten sich kaum an den Manifestationen des Frühsommers. Nun, da die Studenten in die Semesterferien gegangen sind und die Opposition mit der Regierung über eine Verfassungsreform verhandelt, gehen die Arbeiter auf die Straße. Ihre Forderungen lauten: höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und unabhängige Gewerkschaften.

An den Arbeitern ist das südkoreanische Wirtschaftswunder vorbeigegangen. Nirgendwo auf der Welt wird härter und länger gearbeitet: Noch immer sind der Zehn-Stunden-Tag und die Sechs-Tage-Woche in den Fabriken die Regel. Streiks sind verboten, die Betriebsgewerkschaften stehen unter der Kuratel des Managements. Seit 1980 hat sich die Arbeitsproduktivität in Südkorea verdoppelt; die Löhne stiegen im selben Zeitraum nur um 40 Prozent.

Jetzt fordern die Arbeiter ihren gerechten Anteil am Erfolg der exportorientierten Wachstumspolitik. Roh Tae Woo räumt inzwischen ein, frühere Regierungen hätten "auf der Seite der Unternehmen gestanden". Roh verlangte eine Änderung der Arbeitsgesetze, um den Arbeitern "eine faire Chance" zu geben. Gleichzeitig warnte Arbeitsminister Lee Hun Ki jedoch: "Falls sich die gegenwärtigen Auseinandersetzungen weiter verschärfen und sie die nationale Wirtschaft und de Sicherheit der Gesellschaft gefährden, wird die Regierung energische Maßnahmen ergreifen."