Mülheim

In der Wohnung in der Mülheimer Kirchstraße erinnert allenfalls der seidigglänzende Kunstfaserteppich mit der Blauen Moschee an die Türkei: Polstermöbel, Schrankwand und Fernseher beherrschen das Zimmer, die gute Stube der Familie. Mittendrin hockt Hediye mit ihrem Neugeborenen, als hüte sie ein Nest.

Vor wenigen Tagen hat die junge Frau ihr zweites Kind zur Welt gebracht. Doch das Familienleben, scheinbar so idyllisch, soll in zwei Monaten ein brüskes Ende haben: Während der Ehemann in Mülheim bleiben darf, muß Hediye mit ihrer 18 Monate alten Tochter und dem Säugling die Bundesrepublik verlassen. Geht die 21jährige nicht freiwillig, soll sie abgeschoben werden. „Ein klarer Fall“, sagt man bei der Ausländerbehörde. Es ist das traurige Schicksal eines Gastarbeiterkindes.

Wie viele türkische Mädchen in der Bundesrepublik wuchs Hediye orientierungslos zwischen zwei Kulturen auf. Neidvoll beobachtete sie in ihrer Kindheit im westfälischen Löhne, was ihre deutschen Schulkameradinnen durften, während ihr Vater zu Hause mit Drohungen und Prügelstrafen strikten Gehorsam erzwang. Ende 1982 brachten ihre Eltern sie in die Türkei zurück. Bei der Großmutter im südostanatolischen Bingöl sollte die freiheitsliebende Hediye türkische Sitten lernen; die Eltern und Hediyes fünf Geschwister kehrten erst 1984 für immer heim.

„Noch nie habe ich mich so verloren gefühlt“, sagt die Türkin heute in Erinnerung an ihre Zeit in der Türkei. Kurdistan erschien der damals 16jährigen als ihr Sibirien, Bingöl hieß ihr Verbannungsort. Mit ihrem freien Benehmen, den engen Jeans, mit Walkman und Make-up schreckte sie die Menschen in der Kleinstadt auf, wo die Frauen nur in schwarze, wallende Schleier gehüllt die Straßen betreten.

Der ostanatolischen Norm wollte sich Hediye nicht unterwerfen. Sie floh nach Istanbul. Ein deutscher Busfahrer brachte sie illegal über die Landesgrenzen zurück in die Bundesrepublik. In Löhne tauchte das Mädchen bei Bekannten unter.

Diese „Heimreise“ nach Westfalen werten die Behörden heute als einen Rechtsbruch, der die „Belange der Bundesrepublik Deutschland beeinträchtigt“. Im Januar 1985, kurze Zeit nachdem sich Hediye nach dem monatelangen, illegalen Leben in Deutschland in Mülheim an der Ruhr um eine Aufenthaltserlaubnis beworben hatte, ließ das Ordnungsamt sie wissen, daß sie gegen „melde- und aufenthaltsrechtliche Vorschriften verstoßen“ habe. Die Behörden verfügten die Ausweisung.