OLatinas, quot et quanta das gaudia. O, du schönes Latein, wieviel Freude gewährst du“, sagt Paul Elsen, der vor uns auf dem Huidenvetterplaats von Brügge steht. Als Schulinspektor für klassische Sprachen hat er viel Spaß an Latein, und wir sollen es auch haben. Audite ac discite. „Höret und merket“. Wir erfahren, daß ein heranknatterndes Moped ein autobirotula ist, Parkplatz area stativa heißt und bucinae clangor interdictus ein Hupverbot ist, während wir bei unserer Wanderung unterdessen in eine via lateralis, eine Seitenstraße, eingebogen sind.

Vor zwei Jahren hat man in Brügge begonnen, Stadtführungen auch in Latein anzubieten. „Der Erfolg hat uns alle überrascht“, sagt Paul Elsen, einer der 98 diplomierten Guides, die im „Koninglijken Gidsenbond van Brügge“ organisiert sind. Nicht nur Schüler werden in lateinischer Sprache herumgeführt, auch Lehrer, Wissenschaftler und zahlreiche andere Besucher, die sich der alten Sprache verbunden fühlen.

Wie wohl keine andere Stadt bietet sich Brügge, die Stadt der Stille und Mystik, für solch eine Führung an. Das lateinische Brugense war im 14. Jahrhundert eine Stadt des Überflusses, des vorgezeigten Reichtums, in dem die Bewohner in Saus und Braus lebten, ohne auf den schleichenden Niedergang zu achten, der 1488 mit dem Aufstieg von Antwerpen begann und mit dem Versanden des Meeresarmes Zwin 1604 endgültig besiegelt wurde. Während uns Paul Eben die Geschichte der Stadt auf Latein erzählt, bitten wir ihn, doch etwas loquere, quaeso, paulo lentius (langsamer) zu sprechen. Im letzten Jahrhundert war die Stadt der 36 Klöster so arm, daß nicht genügend Geld vorhanden war, um die baufälligen alten Giebelhäuser abzureißen. Heute ist der historische Stadtkern restauriert, in dem nun auch nicht mehr Menschen wohnen als vor 500 Jahren. Brügge, steingewordener Abglanz des Mittelalters, lebt gut von seiner konservierten Vergangenheit. Rund drei Millionen Menschen laufen jährlich mit viel Enthusiasmus durch die Buckelgassen. Und wenn es die cella telephonica, die Telephonzelle, das Kino, cinematographeum, oder das Taxi, taxiraeda, nicht geben würde, könnte man meinen, die Zeit sei stehengeblieben.

Inzwischen hat Schulinspektor Elsen übrigens zugegeben, daß bei seinen Führungen auch ein wenig eigenwillige Sprachschöpfung im Spiel ist, viele moderne Begriffe sind kurzerhand in ordentliches Latein umgeformt worden. So radelt jemand auf seinem rota, dem Fahrrad, vorbei, und auf einer Bank blättert jemand in einer commentarii periodici, einer Zeitschrift. Wer zwischendurch Pommes frites kaufen möchte, bestellt sacculum pomorum terrestrium frictorum. Mit der dazugehörigen Mayonnaise wird es allerdings noch etwas komplizierter: paululo iuris et vitello olea, acceto et sinapi commixti. Der Frittenverkäufer macht große Augen. In dieser Weltsprache hat bei ihm noch keiner die belgische Spezialität verlangt.

Spaß an dieser Art der Führung haben vor allem Schüler nach einem Lateinunterricht von drei oder vier Jahren. Sie freuen sich, wenn ihnen Elsen die Sprache so transparent macht, daß sie keine Hürde mehr ist, um Geschichte, Bauwerke und Kunst des mittelalterlichen Brügge zu begreifen.

Quanti constant hoc (Was kostet das?) geht den Besuchern dabei ebenso leicht von der Zunge wie ubi est proxima cella telephonica (Wo ist die nächste Telephonzelle?). Im Schaufenster entdecken wir ein ludus scacorum (Schachspiel). Ein Plakat wirbt für eine vespera cantionibus dicata (Liederabend), und an einem Kiosk hängen diurnale radiotelevisificum, Fernsehzeitschriften.

Am Minnewater und am Beginenhof kommen wir vorbei, sehen Spitzenklöpplerinnnen bei der Stickarbeit und besichtigen „Ter Buerse“, im flämisch-gotischen Stil erbaut, die erste Handelsbörse Europas. Erfahren noch etwas vom „Itinerarium“ von Brügge aus dem 14. Jahrhundert, ein Handweiser, der belegt, daß die Stadt im Mittelalter ein Zentrum der nördlichen Pilgerroute nach Santiago de Compostela war. Wir hören interessiert zu, und nur ganz gelegentlich wird der Vortrag durch ein „te non intellego (ich verstehe Sie nicht)“ unterbrochen. Aber alles in allem: Es war die vergnüglichste Lateinstunde seit langem.

Siggi Weidemann