Alle sprechen vom Wetter, auch die Filme. Wird es regnen, wird der Mond aufgehen, wenn Tausende von Zuschauern sich auf der Piazza Grande versammeln? Das 40. Filmfestival von Locarno war nicht gerade strahlend. Viele Filme, ob im Wettbewerb oder der Retrospektive, waren noch auf der Suche nach dem Licht. „O sole mio“ ist der Exportschlager Neapels – und ein italienischer Film von 1946, der sich am Neo-Realismus vorbeidrückte und ein Jahr später das junge Festival von Locarno eröffnete. Der bekannte Bariton Tito Gobbi spielt einen Widerstandskämpfer, der sich beim Radio anstellen läßt. Dort schmettert er nicht nur das populäre Lied, sondern klopft auch kodierte Meldungen an die vorrückenden Amerikaner ins Mikrophon. Der Hunger nach Befreiung ist groß. Die Partisanen stillen ihn: mit gesungenen Gefühlen. Der Film stellt mit dem schlimmsten Klischee die Frage: Wessen Sonne ist die Sonne, wessen Welt ist die Welt?

Locarno ist nicht nur ein Tummelplatz für den Turnhosentourismus, sondern auch eine Prüfstelle für die Avantgarde des Films. In diesem Jahr hat sie nicht viel riskiert. Das psychische Klima der Auswahl für den Wettbewerb war von Wehleidigkeit stärker noch als dem ausgedienten Weltschmerz bestimmt. Die Protagonisten des Nachwuchses tun. sich sehr leid. Selbst der Begriff „No Future“ taugt nicht mehr. Jetzt kommt der Angriff auf die Gegenwart, massiv zu spüren in den Beiträgen aus Frankreich, Italien und den USA. Eine Produktionsfirma heißt „Desperate Pictures Limited“: Das ist der Witz der Verzweiflung, die einen jungen Amerikaner seinen Erstling „Three Bewildered People in the Night (Drei verstörte Leute in der Nacht)“ nennen ließ.

Gregg Araki heißt der Mann, der für diesen Film den Bronzenen Leoparden errang. Ein Nachtfilm der schäbigen Schauplätze in Los Angeles in Schwarzgrauschwarz. Die Augen müssen sich mühsam daran gewöhnen, bis ein Handlungsdreieck aus Mann, Frau und Freund erahnbar wird. Die Verzweiflung steht am Ende aller Leidenschaft. Ein Rest von Wünschen nach Wärme wird zwischen Imbiß und Supermarkt, Telephonzelle und Bett verhandelt. Die Stadt ist eine riesige Höhle, in der diese jungen Menschen sich mit der Abgestumpftheit von Resignierten und dem Sensorium von Fledermäusen bewegen. Für Araki ist selbst „Film“ noch ein „four-letter-word“. Sein Beitrag, vom Publikum mit überraschend starker Sympathie angenommen, stellt eine Schwundstufe der filmischen Möglichkeiten dar. Hier ist der Existenzialismus ein Kinderspiel.

Zu verstehen dagegen, daß es noch Zeichen und Wunder gibt auf dieser Welt, die wir nicht begreifen, das lehrte der afrikanische Film „Yeelen (Das Licht)“ von Souleymane Cissé aus Mali. Hier ist das Licht eine Naturgewalt, die man zu beherrschen sucht. Am Anfang erleidet ein Huhn den Opfertod im Feuer, am Ende löscht das gewaltige Himmelslicht Vater und Sohn im ödipalen Schaukampf aus. Aber vielleicht kam Ödipus nie bis Afrika, sondern traf an der Wegkreuzung eine mythische Macht, die stärker ist als die Antike. In diesem Film, der das Licht entfesselt und bannt, ist alles hell, und nichts ist klar, Wessen Licht ist das Licht, wessen Welt verzehrt dieses Licht?

Stets hat Locarno sich Filmen der Dritten Welt geöffnet. In diesem Jahr waren die besten Filme aus der Zweiten Welt zu sehen, wenn man mit diesem Ausdruck einmal die pazifischen Länder Taiwan, Hongkong und Japan bezeichnen darf. Ihre Filme sind auf der Höhe des ästhetischen Standards ihrer Zeit, aber ihre Geschichten gehorchen einem ganz anderen Rhythmus als dem der sogenannten Ersten Welt.

Der Regisseur Edward Jang aus Taiwan hat in Los Angeles studiert, 1984 mit „Taipeh Stories“ debütiert und jetzt mit seinem durch einen Silbernen Leoparden ausgezeichneten Film „Konbu Finze“ reüssiert. Der chinesische Titel soll dem nahekommen, was deutsch „Die Angstmacher“, auch „Die Terroristen“ heißen könnte. Jang hat diesen Titel als Hommage an Reinhard Hauffs Film „Stammheim“ gebildet. Angst macht, in seinem Film die Phantasie einer verheirateten Frau, die das Büro aufgibt, um Romane zu schreiben. Ihr eifersüchtiger Mann, ein mieser Karrierist, der keine Zeit hat, diese Romane zu Ende zu lesen, läuft Amok. Er schießt auf die Phantasie, die sein Wahn weiterspinnt, am Ende auf sich selbst. Das ist ebenso hart wie intelligent erzählt. Seit Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ gibt es keinen Film, der so brillant montiert ist wie „Konbu Finze“. Die verwickelte Geschichte von sechs Personen wird im ständigen Griff des Rätsels gehalten. Der Zuschauer läßt sich wie der Tanzbär vom Dompteur an der Nase herumführen. Jangs Film wirkt wie ein Versuch, die Facetten des Lichts zu fassen, eine Verkleinerungsarbeit, kein Blow-up der industriell bekannten Muster.

Filme auf einem Festival sind das Ticket zu einer Reise in die Initiation. René Baumann und Marc Bischofs Film „Unterwegs“ unternehmen eine Recherche zu den Bildern des Schweizer Photographen Werner Bischof, der in den 50er Jahren zu den Stars von „Life“ und „Paris-Match“ gehörte. Die Demontage ist leise, aber gründlich, die Montage glanzlos und genau. Der Dokumentarfilm macht die von „Life“ vorgenommene Enteignung der Bilder Bischofs rückgängig. Ein Autor wird entdeckt, der mit Briefen und Kommentaren die Frage klärt: wessen Bilder sind die Bilder? Hunger in Indien, Krieg in Korea, Kolonialkämpfe in Vietnam: nur ein Autor kann zeigen, daß die Katastrophen auch Urheber haben.