Von Marlies Menge

Erich Honecker wirkt mit seinen 75 Jahren jünger als mancher seiner Politbüro-Genossen geringeren Alters. Er hat seinem Land zu internationalem Ansehen verholfen, hat die Entspannungspolitik vorangebracht, hat zu Hause die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ erfunden, was auf deutsch heißt, den Leuten soll es besser gehen. Er ist populär. Ein Nachfolger wird es nicht leichthaben. Die Leute fragen: Er hat sein Haus bestellt, an wen gibt er es weiter?

In der Monarchie ist der Kronprinz bekannt. In der Demokratie stellen sich die Kandidaten öffentlich zur Wahl. In der Diktatur – auch in der des Proletariats – ist am wenigsten erkennbar, wer der nächste Chef wird. Oft wird schon als Indiz gewertet, wer bei öffentlichen Anlässen direkt neben der Nummer Eins steht, wer hinter ihm und wer weiter entfernt. Meist liefert der Regierungschef selbst nützliche Hinweise, indem er einen aus der Schar seiner Trabanten sichtbarer begünstigt als andere.

Auf diese Weise ließ sich schon bald nach Honeckers Amtsantritt dessen Günstling orten: Werner Lamberz, beim VIII. Parteitag ins Politbüro erhoben, ohne lange Wartezeit als Kandidat für das wichtige Gebiet „Agitation“ zuständig, bald mit Auslandsaufgaben betreut. Im Jahre 1978 stürzte er mit dem Hubschrauber über Libyen ab.

Seine Aufgaben als Sekretär für Agitation und Propaganda im Politbüro übernahm damals Joachim Hermann, doch rutschte er nicht gleichzeitig in die Rolle des Kronprinzen. Dabei brachte er gute Voraussetzungen mit. Als Chefredakteur von Junge Welt, Berliner Zeitung, schließlich Neues Deutschland hatte er die Parteilinie immer treu begleitet. In der Westpolitik vollzog er – als Staatssekretär für gesamtdeutsche, später westdeutsche Fragen – den SED-Schwenk von der Wiedervereinigung zur Abgrenzung am deutlichsten. Er gilt als Honecker-Mann. Trotzdem: zum neuen Kronprinzen nach Lamberz wurde Egon Krenz gekürt.

Krenz hat sich, mit leisen Schwankungen, auf dieser Position bis jetzt wacker gehalten. Er war auf seinem Weg fast akkurat in die Spuren seines Herrn und Meisters getreten. Wie Honecker war er jahrelang Vorsitzender der FDJ; wie Honecker wurde er schon während dieser Zeit Kandidat des Politbüros; wie Honecker wurden ihm im Sekretariat des ZK die Sicherheitsfragen übertragen.

Jeder Nachfolger muß dem 22köpfigen Politbüro angehören. Frauen haben zu dieser SED-Elitegruppe noch immer keinen Zutritt; eine Kronprinzessin würde denn auch in den waghalsigsten Spekulationen nicht auftauchen. Dem Politbüro gehörte lange auch Konrad Naumann an, auch er ehemals ein Honecker-Vertrauter, zeitweilig sogar als möglicher Nachfolger gehandelt. Mit der Hausmacht des 1. Parteisekretärs von Ost-Berlin hatte er sich zeitweilig zum Krenz-Rivalen entwickelt, war dann aber wegen barocker Lebensweise und rüden Umgangs mit Intellektuellen in Ungnade gefallen und ist im Staatsarchiv Potsdam verschwunden.