Von Heinrich Albertz

Da sitzt der uralt gewordene Johannes, der Jünger, den Jesus von Nazareth liebte, auf der Insel Patmos, am Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts, als der Kaiser Domitian die Anhänger der neuen Religion blutig verfolgte, und hat seine Gesichte. Die Offenbarung Johannes, die Apokalypse, ist das letzte Buch der Bibel, ein Buch mit sieben Siegeln, auch von den Theologen nur schwer zu verstehen. Walter Jens hat es neu übersetzt – „Das A und das O“, Radius Verlag Stuttgart, 1987.

Dieser Beitrag ist keine Buchbesprechung. Wie soll man Visionen „besprechen“? Die erste Frage ist: Was fangen wir mit ihnen an? In dieser modernen Welt, in der Nüchternheit und Verstand gefragt sind, in der alles berechenbar ist, fast alles machbar und jedermann überzeugt und Verstand zugleich ist, daß zwei mal zwei vier bleibt? In dieser modernen Welt, in der andererseits jedermann auch weiß oder wissen sollte, daß morgen oder übermorgen durch irgendeinen technischen oder menschlichen Fehler das Inferno möglich ist, das kleine in Herborn, das größere in Tschernobyl, das ganz große vielleicht vor den Toren von Hamburg, das letzte über einen Erdteil oder die ganze Welt? Von allem diesem redet der alte Text – in der Übersetzung von Jens etwa so:

„Welch ein Untergang, was für ein Ende! Die Inseln machten sich los, die Küsten verschwanden, die Berge wurden nicht mehr gefunden, und ein gewaltiger Hagel mit Brocken, die zentnerschwer waren, brach vom Himmel her über die Menschen herein.“

Oder: „Durch einen einzigen Wurf wird Babylon vernichtet sein, die große Stadt, und niemand wird, und dann sie mehr finden. Nie mehr werden dort Zithern ertönen, nie mehr Musikanten mit Posaunen Flöten aufspielen, kein Künstler wird sich finden, kein Handwerker, kein Bildhauer, kein Juwelenhändler, kein Reiter, kein Seemann, der sagen kann: Ich bin in Babylon zu Haus. Die Mühlen sind verödet, die Lampen erloschen, kein Bräutigam ruft seine Braut, keine Frau ihren Mann. Nur Wüste wird sein, der Sand und der Wind.“

Die ZEIT hat schon einmal diese Texte abgedruckt. Nur – wer hat sie gelesen? Bestürzend nah sind sie. Und so leicht abzutun. Vor fast 2000 Jahren geschrieben. Nichts ist eingetroffen. Oder doch nur so, daß weitergelebt wurde, als sei nichts geschehen – nach Herborn, nach Tschernobyl – nach Auschwitz und Maidanek und den langsam versinkenden Inseln im Stillen Ozean. Dabei findet der gigantische Kampf zwischen den Engeln und den Drachen, zwischen Gott und dem Satan in dieser unserer Welt statt, täglich, leise – manchmal, dröhnend – manchmal – zu welchem Ende, welchem Ende?

Danach zu fragen, ist unmodern. Daß ein anderer als wir selbst seine riesige Hand im Spiel haben könnte, ist der Glaube von immer weniger Menschen. Daß gar am Ende, am Ende, wenn alles vorüber ist, ein neuer Himmel und eine neue Erde stehen könnten, ein schöner Traum.