Der Karl-Marx-Hof, Wiens bekanntestes Denkmal für den sozialistischen Wohnbau der Zwischenkriegsära, wird von Grand auf saniert.

Die Architektur-Freaks unter den Wien-Touristen konnten das Phänomen schon seit geraumer Zeit beobachten: Vom Karl-Marx-Hof bröckelt der Putz. Die wuchtige, weitläufige Wohnanlage an der Heiligenstädter Straße, im Eiltempo zwischen 1926 und 1930 hochgezogen, war einst das ambitionierteste Siedlungsobjekt im „roten Wien“ der zwanziger Jahre. Prototypisch setzte es das sozialistische Postulat nach Licht und Lebensqualität für die proletarischen Massen um.

Heute ist die Großanlage, in deren 1300 Wohnungen gut 2500 Personen leben, längst zum klassischen Beispiel moderner Architektur avanciert. Doch obwohl nach wie vor Parks und Innenhöfe gut 80 Prozent der Gesamtfläche des Karl-Marx-Areals ausmachen, hapert es allmählich am Wohnkomfort. Die Substanz des Gemeindebau-Riesen ist stark angegriffen, weil bisher immer nur die notwendigsten Reparaturen vorgenommen wurden.

Eine Gesellschaft für Stadt- und Dorferneuerung hat nun das Ausmaß der Schäden in allen Details aufgelistet. Angeschlagen sind nach den Untersuchungen der Architekten nicht nur die Fassaden, sondern auch die Gemäuer selbst: An manchen Stellen ziehen sich die Risse sogar durch drei Etagen. Die 5656 Fenster des Karl-Marx-Hofs sind ebenfalls schwer lädiert: 30 Prozent der Fensterstöcke morsch, 80 Prozent der Flügel erneuerungsbedürftig. Gar nicht zu reden von Wasser- und Frostschäden oder von der veralteten Infrastruktur: Viele Wohnungen haben kein Bad, oft auch keine Zentralheizung.

Beauftragt von der Eigentümerin, der Gemeinde Wien, hat die Stadterneuerungs-Gesellschaft darum ein Modell für die gründliche Sanierung des kranken Kolosses entwickelt. Die Kosten schätzen die Experten auf rund 200 Millionen Schilling (rund 28,6 Millionen Mark). Die Baubeamten im Rathaus sprechen von einem „absoluten Pilotprojekt“ – ihrer Meinung nach hat es ein Unternehmen dieser Dimension „europaweit noch nicht gegeben.“

So kann auch das Werk nicht ohne die Mithilfe der Mieter in Angriff genommen werden. Sie müssen über eine geringe Erhöhung der Monatsmiete die Arbeiten an Fassaden, Gemeinschaftsräumen und Außenanlagen mitbezahlen. Iso