Deutsche Anleger haben die Brüsseler Börse noch nicht entdeckt

Wilfried Martens erntet momentan im benachbarten Ausland mehr Tadel als Lob. Der belgische Premierminister wird wegen der umstrittenen Autobahngebühr gescholten, die demnächst erhoben werden soll. Sein Finanzminister Mark Eyskens will mit dieser Maut einen Teil der Steuerreform finanzieren, die den Belgiern nach amerikanischem Vorbild unterm Strich eine echte finanzielle Entlastung bescheren soll.

Über diese Art der Geldbeschaffung läßt sich trefflich streiten. Eines indes muß man der belgischen Regierung lassen: Seitdem die Koalition aus Christdemokraten und Liberalen in Brüssel das Sagen hat, bessert sich auch die wirtschaftliche Lage des Landes. Diese Wende im Jahre 1981 spiegelt auch der belgische Aktienindex wider.

Vor allem der von Martens konsequent verfolgte Sparkurs hat dazu geführt, daß die Inflation auf weniger als zwei Prozent sank, aus dem gewohnten Leistungsbilanzdefizit im vergangenen Jahr ein Überschuß von umgerechnet fast sieben Milliarden Mark wurde und das Haushaltsdefizit auf rund 27 Milliarden Mark verringert wurde. Für das lebhafter werdende Börsengeschäft sorgte die staatliche Förderung von Risikokapital in der Hand von Privatanlegern. Ist es doch seit 1981 jedem belgischen Steuerzahler erlaubt, jährlich einen gewissen Betrag steuerbegünstigt anzulegen. Mindestens dreißig Prozent des Risikokapitals muß in Aktien belgischer Unternehmen angelegt werden, für den Rest kann man festverzinsliche Staatspapiere kaufen.

Das auf diese Weise kanalisierte Kapital sollte den Anpassungs- und Modernisierungsprozeß belgischer Firmen beschleunigen. Letztlich sind viele Anleger dank der staatlichen Förderung erst auf den Geschmack gekommen, haben die Börse bei steigenden Kursen zu schätzen gelernt. Allein im vergangenen Jahr stiegen die zehn umsatzstärksten Werte an der Brüsseler Börse um 59 bis 144 Prozent. Wurden im November 1985 noch insgesamt rund neun Milliarden Mark mit Aktien und Obligationen umgesetzt, waren es ein Jahr später schon über dreizehn Milliarden Mark. Der durchschnittliche Tagesumsatz stieg um 22 Millionen auf fast 59 Millionen Mark.

Vom Volumen her betrachtet, gehört die belgische Börse damit allerdings immer noch zu den kleinsten in Europa. Und daß, obwohl Belgien als Geburtsland der Börse im modernen Sinne gilt. Historiker verweisen in diesem Zusammenhang auf die flandrische Stadt Brügge. Dort herrschte im Mittelalter ein reger Handelsverkehr. Kaufleute aus ganz Europa tauschten im heutigen Nordwesten Belgiens ihre Güter aus – vor allem Italiener, Portugiesen und die deutschen Kaufleute der Hanse. Unterschlupf fanden sie in den Brügger Gasthöfen, die Herberge und Lagerhaus zugleich waren. Das Hotel der Familie „van der Beurse“ muß im 13. und 14. Jahrhundert wohl das populärste gewesen sein. Informationen und Wechselbriefe wurden dort ausgetauscht, Makler vermittelten die Geschäfte, ohne die Waren zu begutachten, der Wirt stand für den ordentlichen Geschäftsablauf gerade. Auch wenn der Handelsplatz Brügge mit der Zeit an Attraktivität verlor und die Kaufleute ihren Handel in andere Städte verlegten, so hielten sie doch am Begriff „Börse“ fest.

Aufgrund eines napoleonischen Befehls wurde Belgiens Hauptbörse schließlich 1801 in Brüssel errichtet. Heutzutage wird der klassizistische Prunkbau von Touristen viel beachtet. Börsianer indes bekommen allenfalls nebenbei mit, was dort börsentäglich passiert. „Wir haben keinen einzigen belgischen Titel im Bestand“, sagt Paul Labatzki, Fondsmanager der Allgemeinen Deutschen Investment-Gesellschaft (ADIG). Sein Haus hat allein einen Aktienbestand von rund 3,5 Milliarden Mark – alles zusammengerechnet verfügt die ADIG über Papiere im Wert von etwa 15 Milliarden Mark. Labatzki erklärt das mangelnde Interesse an der Brüsseler Börse mit „der Marktgängigkeit der Papiere“. Im Einklang mit den Kollegen bei der Konkurrenz gibt er nämlich zu bedenken, daß es durchaus gefährlich sein könnte, sich dort zu engagieren. Der Markt sei einfach zu eng.