Im vorigen Jahr durften mehr DDR-Bürger denn je in dringenden Familienangelegenheiten zu Freunden oder Verwandten in die Bundesrepublik fahren (1985 waren es lediglich 66 000 gewesen). Die erfreuliche Tendenz hält an. Im ersten Halbjahr 1987 konnten rund eine halbe Million DDR-Deutsche zu einer Stippvisite ins andere Deutschland kommen – Zahlen, die für eine großzügige Bearbeitung der Reiseanträge drüben sprechen. Um so größer ist aber die Enttäuschung für die abschlägig Beschiedenen. Davon zeugt ein Brief, den die ZEIT im folgenden abdruckt. Der Vorgang: In einer Stadt in der Bundesrepublik steht ein 65. Geburtstag bevor. Die Jubilarin lädt dazu die Tochter und den Sohn eines verstorbenen Vetters ein. Im Brief berichten die beiden, warum sie wider Erwarten nicht zur Feier kommen dürfen. * Euer lieber Brief mit den Einladungen hat hier bei uns wie eine Bombe eingeschlagen. Als ich ihn abends öffnete und die Einladungen in den Händen hielt, konnte ich es nicht fassen. Für mich die einmalige Gelegenheit, in den Westen zu fahren! Ich war so erfreut und aufgeregt, Ihr werdet das nicht glauben, wie das ist.

Ich habe mich sofort in den Trabbi gesetzt und bin nach M. gerast! Dann habe ich Peter davon überzeugt, daß er mit mir in den Westen fährt. Wir haben uns allen Torturen (Photograph, was für mich schlimmer als Zahnarzt ist), Polizei usw., unterworfen. Ende Juni, als wir alle Formalitäten einschließlich Befürwortung vom Betrieb zusammen hatten, haben wir bei unserer lieben Volkspolizei den Antrag auf Besuchsreise in die BRD gestellt. Peters Antrag wurde sofort angenommen und wohlwollend geprüft. Bei mir gab es Schwierigkeiten. Man sagte mir, wir seien nicht genug verwandt. Man mußte sich erst befragen, ob man meinen Antrag annehmen „müsse“.

Ich wurde einige Tage später wieder bestellt. Es wurde mir mitgeteilt, daß unser Verwandtschaftsgrad für eine Besuchsreise in die BRD nicht ausreiche und deshalb mein Antrag nicht erst angenommen werden müsse! Auf meine vielen gesellschaftlichen Ämter hingewiesen, hieß es, wenn ich mich benachteiligt fühle, solle ich es doch in der Kreisstadt noch einmal versuchen. Leider war es an diesem Tag zu spät und am nächsten Tag mußten wir unseren Urlaubsplatz antreten.

Meine letzte Hoffnung war ein befreundeter Polizeigenosse, der während unserer Abwesenheit mit allen meinen Unterlagen meine Interessen vertreten sollte. Wieder große Hoffnungen, schließlich bin ich im öffentlichen Leben nicht irgendwer.

Aus dem Urlaub zu Hause angekommen, wurde mir gesagt, mein guter Bekannter konnte absolut nichts für mich machen. Ich mußte selbst in der Kreisstadt vorstellig werden. Also setzte ich noch einmal einen Urlaubstag dran und wurde auf dem VPKA vorstellig. Dort wurde mir aber nur gesagt (natürlich nach einigem Warten): „Tut uns leid, Sie dürfen nicht in die BRD fahren!“

Ihr könnt Euch sicher kaum vorstellen, welche Betroffenheit nach all den Erwartungen diese knappe Erklärung auslöste. Die Fahrtmöglichkeiten, die Platzkarten bis Bremen, alles war herausgesucht und bestellt. Als dann eine einfache Postkarte mit folgendem Inhalt bei Peter eintraf: „Ihrem Antrag auf Besuch in die BRD konnte nicht stattgegeben werden“, könnt Ihr Euch vielleicht unsere Stimmung vorstellen. Alles, worauf wir uns so sehr gefreut hatten, war mit einem Schlag ins Wasser gefallen. Ich hatte uns schon in Bremen umherspazieren sehen. Aber nicht einmal so brave Staatsbürger wie Peter und ich dürfen zu den „bösen“ Westverwandten fahren!

Eure liebe Urlaubskarte haben wir mit einem ganz kleinen Anflug von Neid gelesen. Obwohl wir auch einen sehr schönen und erholsamen Urlaub verbrachten, einschließlich Besuch unserer Hauptstadt Berlin mit zwei Stunden Anstellen, um auf den Fernsehturm zu kommen.