Von Benedikt Erenz

Es war einmal. Es waren einmal fünfzehn Wasserschnecken der Gattung Viviparus diluvianus. Die beschlossen vor 251 987 Jahren, eine Stadt zu gründen. Sie arbeiteten hart in der grauen Stille der Urzeit, zusammen mit Tausenden anderer Schnecken und sonderbarer Pflanzen- und Fabelwesen; sehr weit kamen sie nicht. Doch aus dem, was sie hinterließen an Höhlen, Hüllen, Schalen, Splittern, aus den Trümmern ihres kleinen Atlantis, formte sich in allerlei Eis- und Warmzeiten ein sagenhafter Höhenzug: die Berliner Paludinenbank. Ein Fluß namens Spree fließt hier heute und ein Fluß namens Havel, viele, viele Häuser stehen dazwischen, sogenannte Menschen wohnen darin, Straßen gibt es und Millionen Autos, ein Europa-Center und einen Palast der Republik, Bolle bim-bim und Weiße mit Schuß, Hundefriedhöfe, Kasernen, einen Tierpark und einen Zoo mit einem großen Aquarium, in dem die letzten Nachfahren jener Gründermütter hinter dickem Glas lebendig ausgestellt sind. "Berlin" nennt sich das Ganze, "Berlin, Ber-

Viel, sehr viel Zeit braucht, wer den Weg antritt durch "Berlin, Berlin", durch "die Ausstellung zur Geschichte der Stadt" (wie es mit selbstbewußter Lakonie heißt), durch beinahe vierzig Säle des renovierten Gropius-Baus an der Mauer, vorbei an Hunderten Dokumenten, von den fossilen Hüllen der fünfzehn Stadtgründerinnen (Durchmesser 20 Millimeter) bis zum Zuckermodell des Brandenburger Tores, das Konditormeister Manfred Podlesny dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen 1985 auf der 50. Internationalen Grünen Woche anläßlich des 200. Jubiläums der chemischen Zuckergewinnung aus Rüben überreichte. Und nicht, daß die Geschichte Berlins und die Ausstellung zu derselben damit schon zu Ende wären. Nein, weiter geht es innerhalb und außerhalb des ehemaligen Kunstgewerbemuseums: zu einer Kunstausstellung der Berlinischen Galerie, "Ich und die Stadt" (siehe nächste Seite), und der Dokumentation "Topographie des Terrors" (siehe ZEIT/Nr. 30), die an das Gebäude erinnert, das einst neben dem Gropius-Bau stand: das Hauptquartier der Gestapo, später Sitz auch des "Reichssicherheitshauptamts", der europäischen Mordzentrale des Dritten Reichs.

Die Ausstellung – nicht unter sechs Stunden zu schaffen! – ist der Höhepunkt der großen Berliner Erinnerungs- und Selbstvergewisserungsexpedition, der pompösen Sentimental Journey, für die das dusselige Datum "der erstmaligen urkundlichen Erwähnung Cöllns im Jahre 1237" wahrlich nur der äußere Anlaß ist. Nun kann man zwar den Berlinern unterstellen – wie des öfteren zu lesen –, sie suchten bloß einen Grund, um wieder einmal kräftig Bonner Spesen zu verbraten, vor allem, da die Jubilare beabsichtigen, sich gleich im nächsten Jahr als "Europäische Kulturhauptstädter" erneut hochleben zu lassen, und sich übrigens auch schon für 1989 – und so geht es mit Gesang in das nächste Restaurang! – für ein dann zu feierndes "Lenne-Jahr" einige Milliönchen kaltgestellt haben. Doch ein gewisser Hang zur Vergnügungssucht verrät dem diagnostischen Blick nur ein tiefersitzendes Leiden: West-Berlin wird bald vierzig (nimmt man das Jahr der Währungsreform als den, Anfang der Spaltung) – es müssen also die Wechseljahre sein, die midlife crisis, die Zeit für den Blick zurück nach vorn, die Jahre der Selbstzerknirschung und der neuen Illusionen.

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Berliner Illusionen – das wäre ein schöner Titel für die Ausstellung gewesen (bildet sich der Besucher jedenfalls ein), aber dafür hat die Phantasie der Veranstalter dann wohl nicht mehr gereicht. Man hat Verständnis, denn die Ausstellungsmacher (allen voran als wissenschaftliche Leiter Gottfried Korff und Reinhard Rürup, zusammen mit Bodo-Michael Baumunk, Marie-Louise von Plessen und Wolfgang E. Weick) haben schier Titanisches geleistet, um aus einem schlichten Vitrinenmuseum ein historiographisches Gesamtkunstwerk zu machen. Und wenn sie dies auch vielleicht nicht ganz geschafft haben, so gelang ihnen doch ein Gesamtkunststück. Weder plump präsentiert noch dumpf inszeniert, bittet die Ausstellung ganz schlicht "um Aufmerksamkeit", um Nachdenken, nicht Nachempfindeln. Es gibt unendlich viel zum Lesen, Betrachten, Studieren; das Begehen, Begrapschen, Belutschen ist hier weniger gefragt. 750 Jahre als ein kompliziertes Riesen-Puzzle – etwas für die Geduldigeren unter uns.

Illusion – als die Vergangenheitsform von "Hoffnung" – ist ja das Wort, das sich untrennbar mit dem ersten großen Auftritt Berlins in der deutschen, in der europäischen Geschichte verbindet. In Raum 5 stehen auf drei zierlichen Säulen drei schöne Büsten: Lessing in Gips, Mendelssohn vergoldet und in Bronze Nicolai. Das Triumvirat, nein, besser: die Troika der deutschen Aufklärung, vorwärts strebend in dem nüchternen Glauben an die Erziehbarkeit des Menschengeschlechts, in der kostbaren Hoffnung auf die Kraft der unsterblichen Seele, in der zähen Liebe zur Vernunft. Berlin, wo "Nathan der Weise" uraufgeführt wurde und Mendelssohns Schriften erschienen, wo Nicolais Aufklärungs-Manufaktur, die "Nicolaische Verlagsbuchhandlung", arbeitete, war plötzlich ein Ort auf der Landkarte des geistigen Europas, ein Licht mehr im siècle des lumières.