Von Petra Kipphoff

Berlin leuchtet" – im September 1913 schreibt Robert Delaunay, der sich mit seiner Frau Sonia zur Eröffnung des Ersten Deutschen Herbstsalons in Berlin aufhält, eine begeisterte Postkarte an Franz Marc in München. Berlin leuchtet und funkelt – 75 Künstler aus 12 Ländern sind auf dieser von Herwarth Walden, dem Komponisten und Kunsthändler organisierten Ausstellung vertreten: die russischen Kubo-Futuristen ebenso wie die tschechischen und französischen Kubisten, die deutschen Expressionisten und die – wie immer lautstarken – italienischen Futuristen.

Delaunay war in diesem Jahr schon einmal in Berlin gewesen: Im Januar war in der Galerie "Der Sturm", dem Ableger der Zeitschrift gleichen Namens, die Walden 1910 gegründet hatte, eine Einzelausstellung seiner Werke eröffnet worden. Aber nicht nur Delaunay wurde in Berlin gezeigt. Schon 1909 hatte Waldens Konkurrent Cassirer Arbeiten von Henri Matisse ausgestellt. Cendrars, Metzinger, Gleizes, Duchamp-Villon und Villon werden in Text und Bild vorgestellt, Appollinaire hält einen Vortrag über "Le commencement cubisme" und "Réalité, peinture pure".

In Berlin, so hat Günter Metken im Zusammenhang der Ausstellung "Paris – Berlin" (1978) festgestellt, gab es in den Jahren 1913/14 mehr französische zeitgenössische Kunst zu sehen als in Paris. In Berlin sammelte, lange vor seinen anderen deutschen und europäischen Kollegen, Ludwig Justi die Kunst der Moderne und stellte sie in der 1919 eröffneten Galerie des ehemaligen Kronprinzenpalais, einer Dependance der Nationalgalerie, aus: Liebermann, Slevogt und Corinth zunächst, dann die Maler der "Brücke" und des "Blauen Reiter", Maillol, Munch, Hodler. Und hatte damit auch schon den Zwist im eigenen Hause ausgebreitet. Denn mit den Expressionisten wollte der alte Max Liebermann, der um die Jahrhundertwende mit der Gründung der "Berliner Secession" seinerseits gegen die herrschende Historienmalerei opponiert hatte, nichts zu schaffen haben, 27 Künstler wurden auf der Jurysitzung von 1910 abgelehnt. Unter ihnen Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Mueller, Karl Schmidt-Rottluff und Max Pechstein, die sich daraufhin zur "Neuen Sezession" zusammenschlössen.

Berlin, quasi über Nacht von der Residenzstadt zur Reichshauptstadt geworden, die Metropole ohne Mittelpunkt und Geschichte, dafür und gerade deshalb die Stadt des wuchernden Wachstums und der gigantischen Widersprüche: Genau das war es, was die Intellektuellen und die Künstler anzog. Natürlich hatte es auch schon im 19. Jahrhundert Künstler gegeben in Berlin, und ein Maler wie Menzel tritt mit Bildern wie der "Aufbahrung der Märzgefallenen" aus der Enge der Interieurs heraus, wird, besonders nach seiner Paris-Reise, zum höflich kritischen Großstadtmaler. Aber wenn man eine der stillen, biedermeierlichen Stadt-Veduten sieht, die Eduard Gärtner um die Jahrhundertmitte in großer Zahl anfertigte (heute sind sie übrigens für die geteilte und zerstörte Stadt wichtige Bild-Dokumente) und dann eine von Kirchners Berliner Straßenszenen, dann sieht man den Bruch der Zeiten, dann spürt man aus der Dynamik der Bildkomposition den Umbruch der Werte und Ideologien.

"Ich und die Stadt" heißt die Kunstausstellung im Rahmen der Umfassenden historischen Ausstellung "Berlin, Berlin". Ein Unterkapitel – aber welch eines! Der Titel stammt von einem Selbstportrait von Ludwig Meidner, das den Künstler mit ekstatisch verzerrten Gesichtszügen vor der Kulisse der in steile Höhen wuchernden Stadt zeigt. In seiner 1914 geschriebenen "Anleitung zum Malen von Großstadtbildern" beschreibt Meidner, der aus einem schlesischen Dorf in die Metropole gekommen war, den Rausch dieser neuen Erfahrung: "Malen wir das Naheliegende, unsere Stadt-Welt: Die tumultuarischen Straßen, die Eleganz der eisernen Hängebrücken, die Gasometer, welche in weißen Wolkengebirgen hängen, die brüllende Koloristik der Autobusse und Schnellzuglokomotiven, die wogenden Telephondrähte (sind sie nicht wie Gesang?), die Harlekinaden der Litfaß-Säulen, und dann die Nacht, die Großstadt-Nacht".

Die meisten Künstler, die nach Berlin kamen, kamen wie Meidner aus der Provinz, aus Kleinstädten oder einer Zurück-zur-Natur-Idylle (wie die "Brücke"-Künstler). Manche spielten Gastrollen, manche hatten Berlin als zweiten Wohnort, manche blieben, bis sie von den Nazis vertrieben wurden. Auch die unvollständige Liste ist lang: Beckmann, Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff, Nolde, Kokoschka, Felixmüller, Pechstein, Meidner, Dix, Grosz, die Brüder Herzfelde, Hanna Höch, Hausmann, Schad, Schlichter, Schrimpf, Jeanne Mammen, Richter, Hubbuch; in den zwanziger Jahren kamen noch die Russen hinzu.