Die Praxis des Paragraphen 218 in Baden-Württemberg

Stuttgart

Frauenbeauftragte müssen bisweilen unbequem sein und lästige Fragen zu heiklen Themen stellen. So mancher männliche Politiker findet das schlicht dreist und wettert über „Ungehörigkeit“ und schlechten Stil. Diese Erfahrung mußte auch die Stuttgarter Frauenbeauftragte Gabriele Steckmeister machen. Noch nicht einmal zwei Jahre im Amt, wagte sich die Politikwissenschaftlerin – ausgerechnet in der CDU-regierten, konservativen schwäbischen Landeshauptstadt – an das heiße Eisen „Paragraph 218“.

Frauen hatten sich darüber beklagt, daß in Stuttgart Schwangerschaftsabbrüche nach sozialer Indikation so gut wie unmöglich seien. Beratungsstellen berichteten von einem regen „Abbruchtourismus“ in die Nachbarkreise, nach Hessen oder – wie in den finstersten Zeiten – sogar nach Holland. Dieses Problem war jahrelang unter den Teppich gekehrt worden. Und wenn schon über Abbrüche gesprochen werden mußte, dann nur, um stolz die extrem niedrigen Zahlen hervorzuheben: Ganze 135 Abbrüche wurden 1986 in Stuttgart gemeldet – erstaunlich etwa im Vergleich zu Hannover (1000) oder gar Frankfurt (5000), das 1986 fast genauso viele Abbrüche wie ganz Baden-Württemberg verzeichnete, nämlich 6337.

Hier freut sich Sozialministerin Barbara Schäfer jedes Jahr wieder über sinkende Abbruchziffern. So meldete sie erst im April für 1986 einen Rückgang um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Daß an solchen „Erfolgsmeldungen“ etwas faul ist und das Problem in andere Bundesländer exportiert wird, ahnte man längst. Gabriele Steckmeister kann es inzwischen auch beweisen. 950 Frauen aus Baden-Württemberg ließen in den ersten drei Monaten dieses Jahres in einer Wiesbadener Klinik abtreiben. Und selbst in das entfernte Hamburg verschlägt es die Frauen in ihrer Not Das dortige Familienplanungszentrum zählt jedes Jahr mindestens 35 Frauen aus Baden-Württemberg.

Was die Situation in Stuttgart angeht, so ist sie auch innerhalb Baden-Württembergs außergewöhnlich. Fast alle Kliniken der Stadt sind konfessionell oder arbeiten mit evangelischen oder katholischen Schwestern. So wenden sich Frauen, die einen Abbruch wollen, an die Städtische Frauenklinik, oft vergeblich, seit diese unter neuer Leitung steht. Die Folge: Frauen weichen in die Kliniken des Umlandes aus. 1984 registrierte eine einzige Privatklinik außerhalb Stuttgarts 1500 Abbrüche.

Gabriele Steckmeisters monatelange „Detektivarbeit“ brachte noch mehr zutage. Betroffene Frauen erzählten, welche Erfahrungen sie mit Stuttgarter Ärzten und Kliniken gemacht hatten. Da war von „Psychoterror und Repressalien“ die Rede. Eine Frau mußte sieben verschiedene Ärzte aufsuchen und vor jedem wieder ihre Geschichte ausbreiten. Andere fühlten sich wie „Kindsmörderinnen und Verbrecherinnen“ behandelt. Eine junge Frau, deren Gesundheitszustand wegen der Schwangerschaft so problematisch geworden war, daß sie schon künstlich ernährt werden mußte, päppelte die Städtische Frauenklinik zwar hoch, den gewünschten Abbruch verweigerte sie jedoch.