Woher kommt eigentlich die Mär, im zwischenstaatlichen Verkehr gehöre die anspruchsvolle Nahrungsaufnahme zu den angenehmen Seiten des Geschäftes? Die Wirklichkeit sieht anders aus!

Das Auswärtige Amt weiß von vielen Diplomaten, die im Dienst des Vaterlandes Magen und Leber mehr als tunlich strapaziert haben. So ließ zum Beispiel Adenauer, als er 1955 in Moskau verhandelte, seine Delegation vor jedem Bankett mit Olivenöl präparieren. Schließlich sollten die Soffjets unsere Jungs nicht schon beim ersten Toast über den Tisch ziehen, während sie selbst heimlich Mineralwasser kümmelten. Überhaupt unsere Kanzler: Erhard liebte seinen schlichten Pichelsteiner, Kiesinger die Laugenbrezel, Schmidt frönte der Cola, sein Nachfolger steht auf Pfälzer Saumagen – doch was hat man ihnen unverdrossen serviert: viele Gänge und schwere Weine satt.

So gesehen sprechen die neuesten Pekinger Entwicklungen für eine weitgehende Humanisierung des Politikvollzugs im Land der Mitte. Die Chinesen wollen ihre Staatsbankette rigoros zusammenstreichen: allenfalls noch vier Gänge (plus Vorsuppe) statt deren vierzig. Wenn diese Straffung, wie es heißt, auch dazu dienen soll, die Energien der Staatsführung zu schonen, regen sich freilich Zweifel. Solange wir nicht wissen, worauf sich die eingesparte Führungs-Energie künftig richtet, ist Vorsicht geboten. R. L.