Von Willi Jasper

Während Margaret Thatcher sich noch vergeblich abmühte, die Diskussion über die Memoiren des Ex-Agenten Peter Wright (es ging um die Geheimdienstkomplotte gegen die Wilson-Regierung) zu unterdrücken, glomm bereits die Lunte einer anderen publizistischen Zeitbombe zum Thema „Secret Service“.

Die britische Geheimorganisation „Special Operations Executive“ (SOE) wurde während des Zweiten Weltkriegs bekannt durch tollkühne Sabotageakte hinter den deutschen Linien. „Setzen Sie Europa in Brand“, hatte Churchill 1941 den SOE-Chef und Labour-Führer Hugh Dalton aufgefordert. Nun ist in England ein Buch erschienen, das den Mythos dieser Heldenorganisation erschüttert und gleichzeitig die politische Weitsicht des Nationalheros Churchill in Frage stellt:

Anthony Glees: The secrets of the Service. British Intelligence and communist Subversion 1939-51; Jonathan Cape, London 1987; 447 S., 18.00 Pfund.

„Es ist kein Buch über James Bond“, beschwichtigt der Autor, Professor für Politische Zeitgeschichte in London und bekannter BBC-Kommentator. Sein Hauptanliegen sei der Nachweis eines fragwürdigen Einflusses der Geheimdienste auf die britische Politik „in einer für das Land sehr dramatischen und kritischen Zeit“. Ein Understatement, das der Brisanz des Buches nicht gerecht wird.

Durch systematische Auswertung von Geheimakten, Protokollen und Zeugenaussagen kommt Anthony Glees zu dem Ergebnis, daß die vom KGB gesteuerte Unterwanderung der britischen Geheimdienste nicht erst im Kalten Krieg einsetzte, sondern schon zu Churchills Zeiten, vor und während der Anti-Hitler-Koalition. Die bekannten Spionagefälle Kim Philby, Otto John oder Klaus Fuchs waren offensichtlich nur die Spitze eines Eisbergs. Glees’ Enthüllungen über regelrechte „Netzwerke“ von „Maulwürfen“ gelten für das gesamte Geflecht der Geheimdienste, nicht nur für die Elitetruppe (SOE), sondern ebenso für die Abwehr (MI5) und den „Secret Intelligence Service“ (MI6). Anthony Glees betreibt allerdings keine blindwütige „Maulwurfjagd“ (mole-hunting), eine während der fünfziger und sechziger Jahre beliebte Sportart der englischen Publizistik. Er verteidigt beispielsweise den langjährigen MI5-Chef Roger Holüs gegenüber den Verdächtigungen und Vorwürfen der Autoren Peter Wright und Chapman Pincher, den Atomspion Klaus Fuchs bewußt eingesetzt und selbst in sowjetischen Diensten gestanden zu haben.

Doch Glees geht es nicht um John-LeCaré-Storys, sondern um politische Fragestellungen. So sucht er nach einer Erklärung dafür, warum nicht nur Churchill und sein konservativer Außenminister Anthony Eden die Führungsgruppe der Exil-SPD (Ollenhauer, Vogel, Heine) in politischer Quarantäne hielten, sondern auch der Labour-Politiker Hugh Dalton es an möglicher Unterstützung fehlen ließ, zumindest in der entscheidenden Phase nach 1941. Als Minister für ökonomische Kriegsführung in Churchills Kabinett und Leiter der SOE war der Sozialist Dalton damals einer der mächtigsten Männer des Vereinigten Königreiches. Ursprünglich hatte er den politisch organisierten Anti-Hitler-Gruppen im Exil eine nützliche und offizielle Rolle im Krieg gegen die Nazis zugedacht. Er hatte dafür gesorgt, daß die SPD-Exilführer aus Lissabon nach London geflogen wurden, wo sie die „Union der deutschen sozialistischen Organisationen“ gründen konnten, als Sammlungsbewegung für eine neue „Partei des ganzen Volkes“. Hugh Dalton hatte sich auch abgegrenzt von den Tiraden eines Lord Vansistart, der in seiner „black record“ über BBC verbreiten ließ, daß „alle Deutschen kriegslüsterne Bestien“ seien, die Exilanten eingeschlossen.