Von Hinrich Lührssen

Jemgum/Kreis Leer

Am Deich grasen Schafe. Auf den saftig grünen Wiesen stehen Kühe, mitunter auch Pferde. Flaches Land, so weit das Auge reicht. Bis zur Nordsee ist es noch ein gutes Stück. Die meisten Urlauber, unterwegs zu den Badeinseln, fahren denn auch gleich durch. Die acht gelben Fässer mit aufgemalten schwarzen Totenköpfen kurz vor Jemgum im Kreis Leer passen nicht in die Landschaft. In dem 1000-Einwohner-Dorf ist es mit der Idylle vorbei: Transparente und Schilder an den Laternen, am Gartenzaun. „Wi lat n uns dat Düwel Ei nich unnersven“ (Wir lassen uns das Teufelsei nicht unterschieben), ist an der kleinen Brücke zu lesen. Das Dorf ist in Aufruhr, andere Orte in Ostfriesland sind es auch. Denn irgendwo dort sollen drei Millionen Kubikmeter Giftmüll unter die Erde gebracht werden, und zwar für immer.

Diese Zahl steht in einer Studie mit dem Titel „Standortauswahl für eine Salzkavernen-Sonderabfalldeponie in Niedersachsen“. Verfasser ist die „Kavernen Bau- und Betriebs-GmbH“, eine Tochtergesellschaft der Preussag AG und der Salzgitter AG. Auftraggeber ist die niedersächsische Gesellschaft zur Endablagerung von Sonderabfall mit beschränkter Haftung (NGS), an der mehrheitlich das Land beteiligt ist. Seit Ende März ist die Untersuchung bekannt. Die Deponie soll 1992 geöffnet werden. Geschätzte Kosten: 113 Millionen Mark. Voraussichtliche Arbeitsplätze: 20. So plant es das Umweltministerium in Hannover. Ein Salzstock als Endlager wäre weltweit einmalig.

Der Salzstock vor Jemgum ist ungefähr vier Kilometer breit und 12 Kilometer lang. Die Studie ergab, er sei am ehesten geeignet, dioxinhaltige Filterstäube, Flugasche und Metallschlämme aufzunehmen. Aber auch die Salzstöcke bei Bunde und Etzel in Ostfriesland seien „für die Anlage einer Salzkavernendeponie in die engere Wahl zu ziehen“. Bevor jedoch in den Salzstöcken Giftmüll landen kann, müssen sie ausgespült werden. Bei der vorgesehenen Betriebsdauer von 30 Jahren würden rund 15 Millionen Kubikmeter Salzwasser anfallen. Das soll die nahe Nordsee schlucken.

Nach den Plänen aus Hannover sollen über dem Salzstock ein Zwischenlager, eine Aufarbeitungsanlage und ein 15 Hektar großes Betriebsgelände eingerichtet werden. Landwirt Jan-Wilhelm Hilbrands müßte dafür ein Viertel seiner gepachteten 60 Hektar hergeben. „Erdgas wäre mir so dicht bei lieber“, sagt der 33jährige Landwirt. Er hat aber auch noch eine andere Sorge: „Wenn endgültig entschieden wird, wird es hier noch hoch hergehen. Hauptsache, meine Wiesen werden dann nicht zertrampelt.“

„Als der Bericht bekannt wurde, dauerte es nur einen Tag, bis 350 Leute auf den Beinen waren“, erinnert sich die 37jährige Gemeindeschwester Inge Holste-Tietjens. Auch in den anderen in der Studie genannten Orten ist die Unruhe groß. Kreistage und Ortsräte wandten sich mit Resolutionen gegen den „Gift-Strunt in de Grund“, ihre Bürger gingen auf die Straße. „Mit großem schrecken“ sprach sich auch die „Arbeitsgemeinschaft der Küstenbadeorte Ostfrieslands“ gegen die Pläne aus. „Giftmüll-Kavernen in einem Touristik-Gebiet würden zu einem Negativ-Image führen, selbst wenn Wissenschaft und Technik tatsächliche Gefahren in der Kaverne nahezu ausschließen könnten.“ Von „übervollen Sälen bei Bürgerversammlungen in ganz Ostfriesland“ berichtet Theo Hinrichs, 45jähriger Lehrer und Sprecher des Koordinierungsausschusses der Bürgerinitiativen. Er sieht gar schon Parallelen zu Gorleben. „So ging das da auch los.“