Die alternative tageszeitung leidet unter ihrem überraschenden Erfolg

Von Bernd Müllender

Die Hälfte ihrer Leser traut der Berliner tageszeitung glattweg "jede Überraschung" zu. Die andere Hälfte scheint die taz nicht aufmerksam zu lesen, denn jede nur denkbare Frechheit, Respektlosigkeit, Schlampigkeit und Verrücktheit gegen die Regel jeder anderen Zeitung, das ist in der taz Tag für Tag zu finden. "Fußball ist unser Leben: Weisweiler tot" – eine ganz normale Geschmacklosigkeit à la taz. "Es geht eine Träne auf Reisen" – so wird Kanzler Kohls Auslandsbesuch kommentiert. "Kohl augenkrank" ist die Überschrift, wenn die UdSSR politische Blindheit moniert. Radikal, sozialistisch, linksextrem, einseitig, sogar terrorverdächtig – so lauten die (Vor-)Urteile und schon bekommt, wie Ende Juni, Bundespräsident von Weizsäcker im Kommentar ein dickes Extralob.

Keine Zeitung hat mehr Druckfehler – neuerdings gibt es eine tägliche Rubrik "Berichtigung" –, keine ein ähnlich abwechslungsreiches wie chaotisches Layout, und nur in der taz dürfen die "säzzer" genannten Setzer nach Belieben ihre oft bösen Bemerkungen in Artikel und Kleinanzeigen hineinbasteln. In den Monaten Mai und Juni veröffentlichte das Blatt jeden Tag das "Volkszählungsboykott-Barometer" und kassierte gleichzeitig vom Berliner Statistikamt für Volkszählungsanzeigen. Leser kündigen erbost ihr Abonnement, weil für Waffensammlungen in El Salvador aufgerufen wird, andere, weil die Aktion viel zu selten läuft. Und wenn ein Polizeipräsident das Blatt abonnieren will, dann kriegt er es nicht und wird freundlich an den Kiosk verwiesen. Die neueste Überraschung aber hat der taz so schnell keiner zugetraut: schwarze Zahlen in der Bilanz.

Schwarzes Zwischenhoch

Das ist ein völlig neues Gefühl nach über acht Jahren permanenter Finanzprobleme. Für das vergangene Quartal stehen in den Büchern mehr als 100 000 Mark Überschuß, und für das Geschäftsjahr 1987 wird über eine halbe Million Mark Gewinn erwartet. Üblich waren bislang mal 60 000, mal 80 000 Mark Minus – bestenfalls im Quartal, meist im Monat. 1986 betrug der Bilanzverlust noch glatt eine Million.

Die alternative Tageszeitung scheint auch hier gegen alle Branchenregeln verstoßen zu haben. Mehr Geld einnehmen bedeutete bislang nämlich immer: noch mehr Geld ausgeben. Investieren, expandieren, experimentieren, dadurch zwangsläufig in die roten Zahlen rutschen, und dennoch überleben, wenn auch manchmal hart an der Liquiditätsgrenze vorbei, das war bislang das eiserne Rezept. Konkrete Pläne dazu gibt es auch jetzt wieder: Neuestes Projekt zur Erweiterung des Blattes und damit zu einer massiven Neuverschuldung ist die Verdoppelung des Berliner Lokalteils von derzeit vier auf acht Seiten. Sparen für kommende Krisen ist die Sache der tazzen nicht. Rosig-rote Zeiten also, wie immer, wenn auch ausnahmsweise mit einem schwarzen Zwischenhoch.