Leo von Klenzes Allerheiligen-Hofkirche (1826/1837) war durch den Rückgriff auf mittelalterliche Vorbilder schon immer ein Fremdkörper im architektonischen Ensemble der Münchner Residenz, dessen Anfänge in der Zeit der Spätrenaissance lagen. Immerhin bewunderte eine von den Auswüchsen des Historismus enervierte Generation den Bau als "ein geniales Werk poetischer Nachschöpfung" (Artur Weese, 1906), doch davon waren nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch die Außenmauern und – später dann entfernte – Teile des Gewölbes übriggeblieben. Da die Kirche, deren malerische Ausstattung durch Heinrich Hess, die den ursprünglichen Eindruck des Innenraums wesentlich mitbestimmt hatte, so gut wie verloren war, nicht länger für eines der Meisterwerke Klenzes hielt, sollte der Bau vollends beseitigt werden. Und das wäre wohl auch geschehen, falls es nicht einen Architekten gegeben hätte, der nicht nur überzeugt war, daß die Ruine erhaltenswürdig sei, der auch einen praktikablen Vorschlag machte, wie sie mit einfachen Mitteln erhalten werden konnte. Was dann auch gelang – die Rettung der Allerheiligen-Hofkirche war der letzte Auftrag, den Hans Döllgast erhielt, das letzte Projekt, das er ausführte (1971), der Abschluß seiner jahrzehntelangen Bemühungen um die Wiederherstellung bedeutender Münchner Bauwerke.

Wiederherstellung war für Döllgast nicht gleichbedeutend mit Rekonstruktion, er akzeptierte die Kriegsbeschädigungen als Teil der Biographie eines Baues, seine behutsamen Eingriffe, zwischen dem ursprünglichen Zustand und der Gegenwart vermittelnd, machten die Verletzungen nicht ungeschehen, die Narben blieben sichtbar.

"Man soll reparieren und so wenig wie möglich restaurieren", hat Steen Eiler Rasmussen verlangt – und das genau war die Maxime, nach der Döllgast handelte. Die Reparatur kann, wie das Beispiel der Allerheiligen-Hofkirche zeigt, schöpferisch sein – indem Döllgast nämlich auf die Restaurierung der ehemals vorhandenen Kuppeln verzichtete und den Raum mit einer hölzernen Dachkonstruktion überfing, näherte er den Bau, den Klenze in die Nachfolge von San Marco in Venedig gestellt hatte, stärker an eine frühchristliche Basilika an. Und so, wie er hier rückdatierte, hat er anderswo vordatiert, Zieblands Bonifazius-Basilika (1835/1850), die Ravennatischen Vorbildern des frühen 6. Jahrhunderts verpflichtet war, beim verkleinernden Wiederaufbau eher romanisiert. Er orientierte sich am jeweils besonderen Stimmungsgehalt der Ruine, das noch Vorhandene, nicht das einmal Gewesene bestimmte seine Überlegungen.

Nicht ohne Grund ist die Allerheiligen-Hofkirche Schauplatz einer von der Architekturabteilung der Technischen Universität München und dem BDA Bayern gemeinsam veranstalteten Ausstellung über Leben und Werk von Hans Döllgast, denn dies ist der einzige Raum, in dem seine Absichten noch unverfälscht erkennbar sind; mit der Betonung auf: noch, denn auch hier ist eine Rekonstruktion mit den alten Kuppeln anstelle des Dachs beschlossene Sache. Darüber, ob die Re-Klenzisierung überhaupt erlaubt ist, werden sich allerdings zunächst die Urheberrechtler Gedanken machen müssen. Schließlich ist der Bau jetzt auch ein Werk von Döllgast, zudem eines, das heutigen Vorstellungen von lebendiger, geschichtsbewußter Interpretation einer Architektur, die durch den geschichtlichen Prozeß lädiert wurde, durchaus entspricht.

Kein Zweifel, Döllgast brauchte die Herausforderung durch Architektur, die zur Erhaltung dringend einfühlsamer Reparaturen bedurfte – im Dialog mit noblen Ruinen entfaltete er seine ganze Phantasie, sein ganzes Können als Bau-Meister. Im Umgang mit alter Architektur zeigte sich auch sein Selbstbewußtsein und sein Verantwortungsgefühl. Er traute sich zu, Klenzes Alte Pinakothek zu verändern, weil er spürte, daß dieser Bau nur in einer Gestalt, die den heutigen Ansprüchen an ein Museum gerecht wurde, eine Überlebenschance hatte – auch ohne Döllgasts Intervention wäre der Bau nicht vom Abbruch bedroht gewesen, die Gefahr lag in der möglicherweise mumifizierenden Rekonstruktion, die ihn, Geschichte verleugnend, der toten Vergangenheit überantwortet hätte. Döllgast, der sein Vorgehen einmal als "Askese mit Poesie" umschrieb, hat die Zerstörungen an den Fassaden im Sinne Klenzes, doch mit anderen Materialien, ausgebessert und im Inneren mit der doppelläufigen Treppe, einer wirklichen Scala Regia, einen Akzent gesetzt, an dem den Architekten Ludwigs I. wahrscheinlich nur der Umstand gestört hätte, daß er nicht selber draufgekommen war. Döllgast hatte sich den Umbau etwas anders vorgestellt, feingliedriger, weniger monumental (an der Bahnhofshalle im Erdgeschoß war er leider mitschuldig), er konnte auch nichts dafür, daß der Eingang zum Museum dann auf die Seite verlegt wurde, die er als Rückfront gestaltet hatte. Nichtsdestoweniger bleibt die Alte Pinakothek der Glücksfall einer aktualisierenden Wiederherstellung, bei der der ursprüngliche Entwurf in seiner Wirkung sogar noch gesteigert wurde.

Im Begleitbuch zur Ausstellung (empfehlenswert, Katalog gibt es keinen) bezeichnet Winfried Nerdinger Hans Döllgast als einen "Außenseiter der modernen Architektur". Das stimmt insofern, als Döllgast, der eine Zeitlang in Peter Behrens’ Atelier arbeitete, in den späteren zwanziger Jahren nie zur Avantgarde zählte, sich ihr auch nicht zurechnete. Er war aber auch nicht rückwärtsgewandt und stand gerade in der Auseinandersetzung mit dem 19. Jahrhundert fest auf dem Boden seiner Zeit – "Döllgasts" Alte Pinakothek gehört zu den bedeutenden Leistungen der Architektur nach dem Kriege. Nicht modern, nicht postmodern, eben Döllgast. (Bis zum 13. September; "Hans Döllgast 1891–1974" an der Kasse 42 Mark) Helmut Schneider