Von Roger de Weck

In den 52 afrikanischen Staaten ist es stets ein Ereignis von herausragender Bedeutung, wenn ein neuer Leader, ein Chef mit Hausmacht und Charisma, die Bühne betritt. Denn auf dem Schwarzen Kontinent ist – noch weit stärker als anderswo – die Politik auf wenige Führungspersönlichkeiten ausgerichtet. Das gut auch für Südafrika. Der Widerstandsheld der entrechteten Schwarzen, Nelson Mandela, sitzt seit einem Vierteljahrhundert im Gefängnis. Steve Biko, der jugendliche Vorkämpfer für ein "schwarzes Selbstbewußtsein", wurde vor genau zehn Jahren von den Polizeischergen zu Tode geschunden. Jetzt begegnet dem Apartheid-Regime ein neuer, ernstzunehmender Widersacher, den manche bereits den "südafrikanischen Lech Walesa" nennen: "Die Arbeitgeber suchen die Kraftprobe, sie sollen sie haben." So spricht Cyril Ramaphosa, der Streikführer der schwarzen Bergleute,

Am 9. August begann der längste Streik der Kumpel in der Geschichte Südafrikas. Cyril Ramaphosa, der Generalsekretär der Gewerkschaft NUM (National Union of Mineworkers), hat ihn ausgerufen. "Die Bosse werden immer reicher, die Arbeiter immer armer. Jetzt ist die Stunde gekommen", lautete die Schlagzeile des NUM-Streikblatts, das zum Arbeitskampf aufrief. Frühere Versuche, die Mehrzahl der 550 000 schwarzen Bergleute mitzureißen, waren stets gescheitert; binnen kürzester Frist brach jeweils die Streikfront ein. Die sechs großen Bergbaukonzerne setzten das Recht des Stärkeren durch. Streikwillige wurden eingeschüchtert, Streikende entlassen. "Tun Sie nichts Törichtes, denn viele andere stehen Schlange für Ihren Job", heißt es im Videofilm, den eine Minengesellschaft den Neuankömmlingen vorführt.

Als die Konzernherren 1985 wieder einmal seiner Gewerkschaft eine empfindliche Niederlage zufügten, zog Cyril Ramaphosa unumwunden die "klare Schlußfolgerung, daß sie besser vorbereitet waren als wir". Das nächste Mal sollte es sich umgekehrt verhalten; das nächste Mal ist jetzt. Der 34jährige Jurist Ramaphosa hat den Streik methodisch vorbereitet. Er zog unermüdlich von Goldmine zu Goldmine, von Kohlegrube zu Kohlegrube. Peinlich achtet er darauf, daß unter den 260 000 Gewerkschaftsmitgliedern Urabstimmungen streng nach Vorschrift abgehalten wurden, aus denen eine überwältigende Mehrheit von 95 Prozent Streikbefürwortern hervorging. Um den Arbeitgebern wie der Regierung möglichst keine Handhabe zu bieten, wollte der kühle Rechner Ramaphosa einen "völlig legalen" Arbeitskampf austragen. Dort, wo die Gewerkschaft vom Management nicht offiziell anerkannt und mithin der Streikaufruf ungesetzlich war, lenkte er unverzüglich ein und riet den Kumpeln, die Arbeit wiederaufzunehmen.

Es ist eine kraftvolle Leistung, in Südafrika unter dem Ausnahmezustand einen Ausstand an die drei Wochen lang durchzuhalten. Die schlimmen Verhältnisse in den südafrikanischen Revieren, wo die Minen nach modernen Verfahren und die Menschen nach frühkapitalistischer Art ausgebeutet werden, haben die Erstarkung der Gewerkschaft zugleich begünstigt und behindert. Weil sie unzufrieden sind, traten mehr ab eine Viertelmillion Kumpel der NUM bei, die zu Beginn vor fünf Jahren nur ein paar tausend Mitglieder zählte; weil sie ihren weißen Brotherren ausgeliefert sind, konnten sie freilich kaum je massiv aufbegehren.

Ein Jahrhundert lang mußten sie sich von Generation zu Generation alles gefallen lassen. Ramaphosas Großvater stammte aus Venda, der nördlichsten Ecke Südafrikas. Jeweils während eines Halbjahres malochte er unter Tag in der Big Hole-Mine unweit der Diamantenstadt Kimberley. Dann begab er sich auf den Heimweg nach Venda, zu Fuß, der Gewaltmarsch dauerte drei Monate. Nach kurzem Aufenthalt bei Frau und Kind war er wieder drei Monate unterwegs, zu Fuß zurück nach Big Hole.

Auch heute leben die allermeisten schwarzen Kumpel eingepfercht in den kasernenartigen hosteh der Bergbaukonzerne, weitab von ihren Angehörigen, die sie einmal im Jahr oder sogar noch seltener besuchen. Kein Wunder, daß diese entfremdete Männergesellschaft, aus der nichts erwachsen ist ab eine rudimentäre Vielvölkersprache (das Fanakalo), von allen Übeln geplagt ist: Alkoholismus, Prostitution, Gewalt. Die Bergleute schuften und sterben in den Schächten, wenn die nach Akkord entlohnten weißen Vorarbeiter sich über die Sicherheitsvorschriften hinwegsetzen, um Zeit zu sparen. Letztes Jahr gab es 681 Tote und 1351 Verletzte.