Von Hartmut Baumgärtner

Die iberische Unterart des europäischen Wolfes (Canis lupus signatus) ist durch Lebensraumzerstörung und direkte Verfolgung in ihrem Bestand drastisch zurückgegangen. Ein Aussterben des Wolfes befürchten Experten zunächst in Portugal. Dort hat sich eine Interessengemeinschaft zum Schutze des Wolfes gebildet, um der wilden Stammform aller Hunderassen ein Überleben zu ermöglichen.

Die Angst des Menschen vor dem Wolf ist tief verwurzelt und äußert sich in einer gnadenlosen Bekämpfung. Wie kaum ein anderer Beutegreifer gilt der Wolf als „Raubtier“, mit einem blutrünstigen, hinterlistigen und stets gefährlichen Wesenszug. Selbst Alfred Brehm schürte die Mär vom „bösen“ Wolf und schrieb zur Wolfsjagd: „Zur Vertilgung des Wolfes gelten alle Mittel, Pulver und Blei ebenso wie das ausgelegte Gift, die verborgene Schlinge und Falle, der Knüppel und jede andere Waffe ...“

In weiten Teilen Europas wurde der Wolf bereits ausgerottet oder in entlegene Wälder und Gebirgsregionen, vor allem in den osteuropäischen Raum, zurückgedrängt. Auf der Pyrenäenhalbinsel war der Wolf um die Jahrhundertwende noch in allen Landesbereichen mit Ausnahme der Küstenregion verbreitet, doch systematische Verfolgung durch den Menschen und die Zerstörung weiträumiger Naturlandschaften verringerte die Bestände erheblich.

Der Wolfexperte Dr. Francisco Petrucci Fonseca vom Zoologischen Institut der Universität Lissabon schätzt die gegenwärtige Population des Großsäugers in Portugal auf 100 bis 200 Tiere. Letzte Refugien finden die Wölfe hauptsächlich in den gering besiedelten und vom Tourismus weitgehend verschonten Wäldern im Nordosten an der Grenze zu Spanien. Besonders der Montesinho Nationalpark, der sich nördlich der Stadt Bragança über eine Fläche von 75 000 Hektar erstreckt, gilt als Lebensraum für Wolf und Luchs, Wild- und Ginsterkatze.

Die Wölfe, die im Sommer kleine Familiengruppen bilden und nach Wildschweinen, Rehen und kleineren Säugern jagen oder auch Aas und pflanzliche Kost verzehren, finden jedoch selbst im Montesinho Nationalpark keinen ausreichenden Schutz vor menschlicher Nachstellung. Wenn im Winter die Schäfer und Bauern über Verluste an Schafherden, Schweinen und Hühnern klagen, kann der Täter nur Wolf und das Urteil nur Tod durch Kugel, Schlinge, Falle oder Giftköder lauten. Die erlegten Wölfe lassen sich dabei noch gut verkaufen, denn das Fell wird in den florierenden Pelzhandel eingeschleust oder das Tier kurzerhand ausgestopft und das Präparat an solvente Touristen verkauft.

Nun hat sich um Dr. Fonseca eine Interessengemeinschaft namens „Grupo Lobo“ (Wolfsgruppe) gebildet zum Schutze des Wolfes und seines Lebensraumes. Nach Angaben der Wolfschützer gehen die Verluste an Nutztieren im Winter überwiegend auf das Konto verwilderter Haushunde. Während die Zahl der jagenden Wölfe stark zurückgegangen und die Struktur ihrer sozialen Verbände vielerorts gestört ist, so daß im Winter anstatt der Wolfsrudel oftmals nur vereinzelte Tiere ohne ein bestimmtes Revier anzutreffen sind, zeigen sich die kopfstarken Gruppen der Wildhunde dem Wolf als Nahrungskonkurrent überlegen. Da sich die verwilderten Hunde zuweilen mit den Wölfen paaren, tragen sie durch die Vermischung der Erbanlagen zusätzlich zum Aussterben reinrassiger Wölfe bei.