Die hunderttägige Schonfrist des neuen Bundesumweltministers Klaus Töpfer ist gerade abgelauten, da droht ihm die erste Schlappe.

Hessens Landesregierung ist offenbar nicht bereit, die geplante Entseuchung des radioaktiven Molkepulvers im 50 Kilometer nördlich von Frankfurt gelegenen Hungen zu genehmigen. Die nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl verstrahlte Molke war vom damaligen Bonner Umweltminister Walter Wallmann in Bundesverantwortung übernommen und in Güterwaggons auf Bundeswehrgelände „zwischengelagert“ worden.

Um sich der 5000 Tonnen schweren Hinterlassenschaft seines Amtsvorgängers möglichst rasch zu entledigen, schloß Töpfer mit der Hungener Molkereifirma Moha einen Vertrag über die „Entionisierung des schwach radioaktiv belasteten Molkepulvers“ ab. Als die Vereinbarung am 21. Juli bekannt wurde, hagelte es Proteste der Bevölkerung.

Auch die Landesregierung in Wiesbaden bezweifelte, ob sie die für eine Dekontamination erforderliche wasserrechtliche Genehmigung überhaupt erteilen könne: Ein hydrogeologisches Gutachten stuft das Gebiet um Hungen als Trinkwasserschutzgebiet der Zone IIIa ein. Das bedeutet, so Hessens Umweltminister Karlheinz Weimar, daß „das Errichten und Betreiben von Anlagen, in denen radioaktive Stoffe hergestellt oder verwendet werden, verboten ist“.

Wallmann, der noch als Bonner Minister an die Bundesländer apelliert hatte, bei der Entsorgung des Viehfutters zu helfen, will sich als Ministerpräsident jedoch nicht der Verantwortung entziehen. Das Wiesbadener Umweltministerium prüft derzeit, ob eine Endlagerung der Molke in der nordhessischen Untertagedeponie Herfa-Neurode möglich ist.

Regina Urban