Von Hans Altenhein

„Draußen vor der Tür“ lautete die Überschrift zu unserem Bericht über die Irrungen und Wirrungen beim Verkauf des Luchterhand-Verlags an den holländischen Kluwer-Konzern (ZEIT, Nr. 33). Bis heute weiß niemand, was aus dem literarischen Zweig und seinen Autoren wird. Während die ersten Herbsttitel von Luchterhand normal ausgeliefert werden, hat Günter Grass in einem Fernseh-Interview den neuen Verlagsherren die Fähigkeit abgesprochen, „die diffizile Verlagsarbeit im Sinne des Luchterhand-Verlags, literarischer Teil, fortzusetzen“. Es ist von einer möglichen gerichtlichen Auseinandersetzung die Rede.

Hans Altenhein, seit 1973 Geschäftsführer für das literarische Programm des Luchterhand-Verlags und Mitglied im Verleger-Ausschuß des Börsenvereins, wurde von uns gebeten, die Entwicklung aus seiner Sicht zu kommentieren. Es ist eine kleine Betrachtung über die Arbeit des literarischen Verlegers geworden: am Beispiel Luchterhand.

Während sich die Staubwolken legen, wird die Schadensstelle deutlicher sichtbar: Am 3. August sind in Neuwied am Rhein die Interessen eines gewerblichen Unternehmens und die der Literatur kollidiert. Vielleicht hätte man den Aufprall mildern können, mit Klugheit und Attachement oder einfach durch ein ordentliches Verfahren. Zu verhindern war er wohl nicht. Der juristische Verlag von Hermann Luchterhand hat mit dem Verkauf an die internationale Verlagsgruppe Wolters Kluwer N.V. in Deventer eine erste Adresse gewählt, um seine Zukunft zu sichern. Daß dabei der höchst eigenwillige, ganz und gar von seinen Autoren in der Bundesrepublik, der DDR, der Schweiz und Österreich geprägte Literaturverlag, der nur ein Teil, aber eben ein Teil des gemischten Privatunternehmens war, unberücksichtigt blieb, war ebenso naheliegend wie fatal. Die Vorgänge sind inzwischen bekannt. Was lernen wir daraus?

Am Anfang des Verlags von Christa Wolf und Adelheid Duvanel, von Günter Grass und Daniel Grolle, von Ernst Jandl, Gabriele Wohmann, Christoph Hein, Peter Bichsel, Hermann Kant, Max von der Grün und Peter Härtling, von Anna Rheinsberg, Josef Haslinger, Barbara Honigmann und hundert anderen steht, so wurde gern erzählt, ein Steuerberatungsbüro. Hermann Luchterhand gab hier Ende der zwanziger Jahre das „Handbuch für das Lohnbüro“ heraus, 1934 trat der Verlagsbuchhändler Eduard Reifferscheid in die Firma ein, führte den Fachverlag zu beträchtlichem Erfolg und gründete 1955 mit der legendären Zeitschrift Texte und Zeichen eine literarische Abteilung. Das sieht nun so aus wie der klassische Fall des vermögenden Privatverlegers alter Schule: Kurt Wolff, Gustav Kiepenheuer, die Insel-Gründer fallen uns sofort ein.

Im Wintersemester 1985 habe ich in Darmstadt ein Seminar über diese scheinbar so goldene Zeit des literarischen Verlagswesens gehalten und dabei gelernt: So schön (und oft lustig) die Gründungsakte waren, so problematisch und wechselvoll verlief die Firmengeschichte der meisten dieser schöngeistigen Privatverlage. Und immer war sie mit dem Lebenslauf, dem Lebensalter und den Lebenskrisen der Gründer auf Gedeih und Verderben verbunden. So auch bei Luchterhand. Die anderen Künste sind dem öffentlichen Interesse und der Solvenz des Staates anheim gegeben, Malerei wie Theater und Musik. Die Literatur ist dem Warenmarkt und den persönlichen Entscheidungen von Unternehmern ausgesetzt. Wer spricht da pausbäckig vom „Ausverkauf der Literatur“? Ein Verlagsgeschäft wurde von betagten Eigentümern verkauft.

Aber eben dies ist nicht die ganze Wahrheit. Was ist dieser Nimbus, der um einen literarischen Verlag wie Luchterhand entsteht, einen Verlag, der in Darmstadt weniger als zwanzig Menschen beschäftigt und den Umsatz eines Handwerksbetriebs nicht überschreitet? Wie kommt es zu dieser ganz und gar unverhältnismäßigen öffentlichen Aufmerksamkeit Es ist die in der Bilanz nicht ausgewiesene Arbeit von Autoren, es sind die Bücher, so verschieden und scheinbar doch aus einer Hand, es sind die Geschichten vom fünfzigsten Geburtstag von Peter Bichsel, als Irmtraud Morgner zur Laute sang, es sind die schon ganz mit Patina überzogenen Anekdoten aus dem Berlin der sechziger Jahre, die Adressen längst vergessener Lokale, die Namen toter Freunde. Wie war das, als Günter Grass seinen ersten Gedichtband bei Luchterhand verlegte, den mit den eckigen Zeichnungen?