Von Roger de Weck

Paris, im August

Dieser Datumszeile ist gewöhnlich nichts weiter anzufügen, als daß die Hitze in den entvölkerten Straßenschluchten brütet. Im August stockt der Puls der Großstadt. Einem französischen Ritual und einer lieben Gewohnheit gehorchend, meldet sich die Großzahl der Pariser vom 1. bis zum 31. ab. An der verriegelten Eingangstür der Bäckerei um die Ecke, der Gemüsehandlung oder des Friseursalons klebt eine noch eilig vor der Abreise hingekritzelte Mitteilung, daß der Inhaber en vacances sei, auf Urlaub.

Vor den Schaufenstern sind zum Monatsbeginn die Rolläden heruntergerasselt. Über das Theaterleben fiel der Vorhang. Auf das Weichbild der Stadt senkte sich sanft der allsommerliche Halbschlaf. Wer trotzdem in Paris verharrt, wird nach den Gründen gefragt und hat sich gleichsam zu rechtfertigen. Im September, à la rentrée, der Zeit der großen Rückkehr und – wörtlich – des "Wiedereintritts" in den Alltag, wird das Paris der Pariser, welches an der Eiffelturmkletterei der Hunderttausenden von Touristen vorbeischaut, im Nu wiedererstehen.

Doch im August 1987 ist vieles anders als früher. In der Metropole der Mode und der Moden ist es in Mode gekommen, an Ort und Stelle zu übersommern. Im August in Paris gesichtet zu werden, ist nicht mehr nachteilig. Im Gegenteil, manchen ist es überlebenswichtig, gesehen zu werden. Das trifft zuallererst auf die bunte Schar der "Medienschaffenden" und den kriegerischen Stamm der Politiker zu.

Den ganzen Sommer über rumorte es in den sechs französischen Fernsehanstalten, von denen die eine privatisiert worden ist, zwei andere in neue Hände übergingen und zwei weitere auf Geheiß der Konservativen von allzu linken Elementen gesäubert werden. Etliche TV-Leute kleben nun auch im August an ihrem Sessel, damit sie ihn nicht verlieren. Star und Sternchen stehen Gewehr bei Fuß; damit ihnen die eigene Fernsehshow nicht gestohlen wird. Währenddessen rüsten die Intendanten und Chefredakteure zum Vernichtungskampf, der im Herbst, à la rentrée, unter den privaten und öffentlichen Kanälen toben wird.

Wo nun so viele Programm- und Meinungsmacher in Paris festgenagelt sind, geben sie einmütig die Parole heraus, daß es besonders fein und "in" ist, mit der heiligen Tradition zu brechen und den August fern von der Côte d’Azur zu verbringen. Sie sind um gute Argumente nicht verlegen, denn allmählich setzt sich die Einsicht durch, daß es sich gut lebt in einer ausgestorbenen Stadt.