Von Irene Brauer

Es waren einmal tausend Amerikaner und eine Deutsche, die saßen auf Klappstühlen im Innenhof eines großen, wunderschönen Schlosses oberhalb einer romantischen, alten Stadt in Deutschland, die sie vor langer Zeit erobert hatten, und warteten auf die Ankunft des Prinzen Karl Franz. Sie vertrieben sich die Zeit mit Würstchenessen, Biertrinken und heiterem Geplauder. „Ich habe den Prinzen schon viermal gesehen“, sagte Pat, ein Araber aus Kalifornien. „Und jedesmal ist es wieder neu. Es ist so wundervoll, am Leben der Deutschen teilnehmen zu können. Jeder kann hierher kommen. In Amerika geht das nicht, dort kommen immer nur die oberen Schichten, aber nicht das Volk. Ich liebe Deutschland. Nächstes Jahr besucht mich mein Vater.“

„Wir sind aus Alaska“, erzählt Anita und .nimmt John in den Arm. „Mein Mann lebt seit 32 Jahren in Deutschland. Er ist Professor und singt den ganzen Tag.“ – „Ich komme hierher, weil Heidelberg und der Prinz eins sind und weil hier Englisch gesprochen wird“, schwärmt eine grauhaarige Frau. „Wie heißt du denn, Kind?“ fragt jemand ein kleines rothaariges Mädchen. „Kathie“, antwortet seine Mutter, „like the prince’s dearlove“ – wie die Liebste des Prinzen.

Über uns wölbt sich ein blauer Himmel, in den Sterne gestickt sind, und ein runder, bleicher Mond lächelt auf uns herab. Es ist die erste laue Sommernacht seit vielen Wochen. Mr. und Mrs. Logan, die in der ersten Reihe der Kategorie I Ehrenplätze haben, treffen jetzt auch ein, Joe Goethe und Mary Ann Willemer und Freddy Hölderlin haben eine Ehrenloge ganz oben.

Die Musik kündigt die Ankunft des Prinzen an. Jetzt wird es still, nur ein paar Mücken, die nicht eingeladen waren, begleiten das Orchester mit ihrem Sirren. Im Brunnenhaus versucht ein festlich gekleidetes Kind, die Lakaien zu bewegen, mit ihm Ball zu spielen, aber keiner macht mit. Der Kleine geht traurig davon. – Inzwischen sind viele Jahre vergangen. – Ein weißhaariger, würdiger Herr schreitet über den Schloßhof. Das muß Dr. Engel sein, der Erzieher des Prinzen und sein väterlicher Freund, denn der Prinz hat weder Vater noch Mutter, nur noch seinen Großvater, den König: Er hat seinem Enkel erlaubt, ein Jahr in Heidelberg zu studieren. Dr. Engel soll ihn begleiten, damit Karl Franz auch ordentlich lernt. Mit dem Lied „Golden days“ erinnert sich der alte Herr der schönen Zeit, die er als junger Mann in Heidelberg verbrachte.

Ende des ersten Aktes eines der meistgespielten Stücke der Welt. Es ist entstanden aus dem Roman von Wilhelm Meyer-Förster „Prinz Karl Heinrich“ aus dem Jahre 1899. Später dramatisierte der Autor seinen Roman zu dem Theaterstück „Alt-Heidelberg“, das 1901 in Berlin seine Uraufführung hatte. Inzwischen ist es in 22 Sprachen übersetzt und von Alaska bis zum Land der Zulus auf der ganzen Welt gespielt worden. Es gab mehr als 2500 Inszenierungen. Im ehrwürdigen Hamburger Schauspielhaus wurde es über 400mal aufgeführt, ein absoluter Rekord. Auch mehrere Filmversionen von Lubitsch bis Marischka existieren. „Alt-Heidelberg“ wurde auf der ganzen Welt zum Synonym für Deutschland. Daß Heidelberg im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört wurde, sehen manche in unmittelbarem Zusammenhang. „Alt-Heidelberg“ hat Heidelberg gerettet. Unter Goebbels allerdings war das Stück verboten.

Sigmund Romberg, ein Ungar, der in jungen Jahren nach Amerika auswanderte, hat 1924 das Stück vertont, und auch als Musical The Student Prince wurde es ein überwältigender Erfolg. Bert Brecht meinte zwar, es sei ein „Saustück“, doch sind wahrscheinlich mehr Menschen der Ansicht von Arthur Schnitzler: „In einem Winkel meines Herzens weiß ich, daß es viel besser ist, als wir uns eingestehen wollen. Ich glaube, daß es gegen uns recht behalten wird.“