War das ein Augenblick! Madonna Louise Veronica Ciccone-Penn, 29, aus Detroit/Michigan, USA, bat um einen Kamm, um ihre nach zwölf Gesangsnummern ein wenig verrutschte Lockenfrisur wieder in Ordnung zu bringen – und wir, die Sechzigtausend im Frankfurter Waldstadion, griffen sozusagen unisono in Hand- und Hosentasche, um dem schwer arbeitenden Star erste Hilfe zu leisten. Sekunden später flog der begehrte Gegenstand auf die Bühne, und die Sängerin, nun wieder riesengroß auf die Videoprojektionsflächen zu beiden Seiten ihres Laufstegs geworfen, erkundigte sich nach unseren Wünschen. „Habt ihr es lieber hart“, fragte sie und riß den Kamm durch ihren Blondschopf, „oder weich?“ Weich, Madonna, weich! Da kämmte Lolita ihr goldenes Haar, und der Jubel brandete zu ihr empor. War das ein Augenblick?

Aber nein, es war doch alles inszeniert, eineinhalb Stunden lang, bis zum fütternden Ende. Das Fließband, mit dem Madonna auf die Bühne glitt, der kleine, wieselflinke Pierrot, mit dem sie sich eintanzte, die Leinwände, die den Bühnenraum für Minuten in eine vielflächige Bildertafel verwandelten, die Kostüme und Dessous, vom Leder- bis zum Federkleid – alles Theater. Das Idol selbst gab die Regieanweisungen: „Hört auf, euren Mist auf die Bühne zu werfen. Trampelt euch nicht tot da unten. Mehr kriegt ihr nicht, und näher kommt ihr nicht ’ran.“ Also sprach Madonna.

Und wir, die treuen Fans, gehorchten. Nur vereinzelt flogen noch Phosphor-Ringe und Wunderkerzen. Mit Madonna tanzten wir von Hit zu Hit. „Open your heart to me“, sang sie, da öffnete sich unser Herz. „My love is dangerous“ – da ging es wieder zu. Bei „Papa don’t preach“ gab es Kino auf der Bühne: Bilder von der Atombombe, Demonstrationen, Kennedy, Reagan und das Weiße Haus, zuletzt eine Großschrift: „Safe Sex“. Dies alles so beliebig und suggestiv, wie Zahlen durch den Spielautomaten purzeln oder Klischees durch einen Song. Madonna, don’t preach.

Weitere Attraktionen des Abends: ein rotes Höschen mit der Aufschrift „Kiss“, das uns der Star bei passender Gelegenheit („Like a virgin“) enthüllte. Ein Geldschein „Altered States of Madonna–100 $“. Falschgeld zu Höchstpreisen, Madonna-Material. Cause we are living in a material world, and I am a material girl. Und das kokette „Who’s that girl“, Filmtitel, Song-Name und Tourneemotto zugleich, ein einsamer Höhepunkt der zynischen Koketterie; als ginge es noch darum, jemand und nicht nur etwas zu sein.

What is that girl – was ist Madonna? Für mich war Madonna das Lichtermeer, das im Waldstadium aufflammte, wenn die Frau auf der Bühne einen ihrer ruhigeren Titel sang; eine Band, die, zur Hälfte hinter Vorhängen versteckt, die leere Perfektion dieses Abends erst ermöglichte; eine Spiegelung, ein Double; der Widerschein auf den Gesichtern ihrer Fans. Nicht die Gestalt, die vorn im Scheinwerferlicht stand und Marilyn Monroe nachzuahmen versuchte; nicht die ohnmächtige Hohepriesterin des eigenen image, gezwungen zum sklavischen Vollzug ihrer in Schallplatten gepreßten Kopie; nicht das Ziel, sondern der Zug der Sechzigtausend. In Frankfurt produzierte sich ein Produkt, eine kollektive Phantasie. Sie hat ein Standbild errichtet, schauderhafter als Eis. Millionen Teenager wärmen sich daran.

Als Madonna am Freitag am Flughafen ankam, schickte sie ein Double vor und entschlüpfte unbemerkt durch einen Seitenausgang. „Fans jubelten falscher Madonna zu“ empörte sich Bild. Na und? Madonna ist nicht mehr als ein Markenzeichen, ein Arrangement, das die Gentechniker der Unterhaltungsbranche aus den schnittigsten Teilen zusammengepuzzelt haben. Die aktuelle Zusammensetzung dieses Gemischs trat am Samstag in Frankfurt auf die Bühne. Wenn in fünfundzwanzig Jahren jemand sich vor ein Mikrophon stellt und behauptet, die neue Madonna zu sein, werden wir wissen, was wir an ihr gehabt haben. Andreas Kilb