Daß das Wandern nicht mehr des Müllers Lust ist, steht fest als eine jener unromantischen Erkenntnisse unserer Tage, für die es keine Lieder gibt. Der moderne Müller fährt mit dem Auto zur Arbeit wie andere Berufstätige auch. Es gibt hierzulande – die Schafhirten einmal ausgenommen – kaum noch einen Beruf, in dem das Wandern durch die "freie Natur" zur Zunft gehört.

Und sollte tatsächlich einmal ein Zimmermann in zünftiger Kluft auf dem Wanderweg durch deutsche Lande gesichtet werden, er kann damit rechnen, selbst auf dem Kopfsteinpflaster tausendjähriger Kleinstädte wie ein Wesen aus einer anderen Welt bestaunt zu werden. Und das, obwohl gerade hierzulande das Wandern eine lange Tradition hat.

"Vieles ginge besser, wenn man mehr ginge", das schrieb der deutsche Erzähler Johann Gottfried Seume vor rund 200 Jahren. Ein Satz, der für uns an Bewegungsarmut Leidende eine damals noch ungeahnte Bedeutung bekommen hat.

"Unter den vielen Formen zur Verhütung von Zivilisationskrankheiten ist das Wandern durch nichts anderes gleichwertig zu ersetzen." – Dieses Wort stammt aus unseren Tagen. Der Freiburger Sportmediziner Professor Reindell hat es gesagt.

Seume benutzte seine Füße recht ausdauernd, um zu literarischen Erlebnissen zu kommen. Von seinem Fußmarsch, der ihn bis nach Sizilien führte, erzählt sein Reisebericht "Spaziergang nach Syrakus". Seine Wanderungen nach Rußland und Skandinavien, die in dem Buch "Mein Sommer im Jahre 1805" zusammengefaßt sind, hätten ihm heutzutage sicherlich manch eine "Goldene Plakette" für gesundes Freizeitverhalten eingebracht.

Aber erst in der Romantik wurde das Wandern populär. Vor allem durch das Lied. Der Dessauer Handwerkersohn Wilhelm Müller, dessen Lieder bis zum heutigen Tag Allgemeingut sangesfreudiger Männerchöre geblieben sind ("Im Krug zum grünen Kranze"), verherrlichte die Wanderlust.

Der Bogen spannt sich. In der Romantik war die Seele auf Wanderschaft, heute sind es vornehmlich die Füße. Was nicht ausschließt, daß auch die Seele davon profitiert. Das Problem ist nur, daß das Wandern in der "freien Natur" für viele heute immer schwieriger wird. "Soll das Wandern für unsere Gesundheit wirksam sein", sagte Professor Reindell, "dann muß darauf geachtet werden, daß dies nicht in den überfüllten Straßen unserer Großstädte mit ihrer Unzahl an akustischen und optischen Reizen erfolgt."