Das "Neue Deutschland" druckt eine Eloge auf Stalins Industrialisierung nach

Von Christian Schmidt-Häuer

Am 14. August veröffentlichte das SED-Zentralorgan Neues Deutschland ein recht unverfrorenes, nur oberflächlich verpacktes Bekenntnis gegen den späten Lenin und für den frühen Stalin. "Die ganze uns umgebende Wirklichkeit hilft", so stand es im Parteiblatt, "den Charakter der Gesellschaftsverhältnisse der Menschen unter den Bedingungen des Sozialismus zu verstehen und zu erfassen. Aber Ende der zwanziger Jahre wurde diese Ordnung erst geschaffen. Im Rahmen der Mehrsektorenwirtschaft vollzog sich der Kampf um die Umwandlung des Rußlands der NÖP in ein sozialistisches Rußland."

Im Klartext heißt das: Lenins Neue ökonomische Politik (NÖP oder NEP), die seit 1921 den Bauern und dem Kleingewerbe wieder Privatinitiativen erlaubte und mit dem Rückgriff auf marktwirtschaftliche Ansätze zu einer relativen Stabilisierung der katastrophalen Wirtschaftslage geführt hatte, war nichts als eine vorübergehende Episode. Der wahre Sozialismus entstand erst durch Stalins Kollektivierung und Industrialisierung.

Diese Breitseite galt unverkennbar dem Moskauer Reformerflügel, der sich in Theorie und Praxis um eine moderne Wiederaufbereitung der Leninschen NÖP bemüht. Nach Ansicht der Männer und Frauen (Tatjana Saslawskaja!) um Michail Gorbatschow haben gerade Stalins Weichenstellungen Ende der zwanziger Jahre zur Kursabweichung von der Oktoberrevolution und zur Misere der zentralen Verwaltungswirtschaft geführt.

Das Neue Deutschland hatte freilich nicht mit eigener Munition gefeuert, sondern nur einen Artikel der Prawda nachgedruckt. Im Zentralorgan der KPdSU ist, wie in anderen sowjetischen Zeitungen auch, zur Zeit vieles möglich. Vor dem 70. Jahrestag der Oktoberrevolution nimmt der Streit um die Bewältigung der Vergangenheit, um Schuldzuweisungen und Rehabilitierungen immer schärfere Formen an.

Gegen diesen Schlagabtausch in einer sich neu formierenden Öffentlichkeit hatte sich die SED-Presse bisher ängstlich und hochmütig zugleich abgeschottet. Doch offenbar ist der Druck jener DDR-Bürger, die sich auf Gorbatschows glasnost berufen, inzwischen so groß geworden, daß es das Neue Deutschland jetzt für nötig hält, Stellung zu beziehen – indem es den sowjetischen Beiträgen gegen den Reformkurs Nachdruck verleiht.