Das Ende von Rudolf Heß gibt keinen Stoff für neue Mythen her

Von Marion Gräfin Dönhoff

Da konnten Bild und Welt am Sonntag mal so richtig klotzen, ganze Seiten über Rudolf Heß – Photos von der Wiege bis zum Grabe. Die Autoren und die 150 Reporter aus aller Welt, die nach Wunsiedel geeilt waren, werden untröstlich darüber sein, daß es der Familie Heß gelang, ihren Toten in aller Stille zu begraben. Zuvor hieß es, die Neo-Nazis aller Länder Europas seien zum Marsch angetreten, um sich bei der Beisetzung in Szene zu setzen. Aber auch die Presse der westlichen Länder, besonders die Engländer, hat nicht gespart mit Reportagen und nachdenklichen Betrachtungen, denen man gewisse Befürchtungen entnehmen konnte. Dabei haben ihre Regierungen selbst Anlaß für solche Sorgen geschaffen.

Hätten die Alliierten den Dreiundneunzigjährigen vor zehn Jahren entlassen, hätte er also im Schoß der Familie sterben können, hätte niemand von diesem Tod Notiz genommen. Es mag formal zutreffend sein, daß die unbeschränkte Haft allem auf das Betreiben der Sowjets zurückzuführen ist, aber man könnte sich durchaus vorstellen, daß die Erhaltung des Spandauer Gefängnisses als Unterpfand der Vier-Mächte-Verwaltung von Berlin den westlichen Alliierten nicht ungelegen war.

Rund um die Welt gingen die Bilder der Ewiggestrigen, meist auf der ersten Seite placiert, den Aufmarsch am Golf verdrängend. Da sah man sie mit Kerzen in der Hand, Fahnen im Arm und Hakenkreuzen am Hemd vor dem Gefängnis. Am anderen Ende der Welt, in Südafrika – auch das konnte man im Bilde sehen – paradierten Nazi-Sympathisanten auf dem Friedhof in Pretoria, wo sie vor einem Denkmal aus dem Ersten Weltkrieg, das mit einer riesigen Hakenkreuzfahne drapiert war, einen Kranz für Rudolf Heß niederlegten. Auch die Sieg-Heil-Rufe fehlten nicht.

Es waren gespenstische Bilder, die hier und da aus der tausendjährigen Vergangenheit wieder auftauchten. Und so stellt sich die Frage: Zieht der Geist nazistisch-rassistischen Wahns wieder durch das Land? Nazis unter uns? Manch einer, der diese Frage stellt, denkt an Bitburg, an das Schlesier-Treffen, an den Goebbels-Vergleich, doch das ist Unsinn – das waren deutsch-nationale Entgleisungen, peinlich zwar, aber mit Nazismus hatte das nichts zu tun.

In der Bundesrepublik gibt es jedes Jahr einen Bericht des Verfassungsschutzes über die Rechtsextremisten, der diese mit großer Akribie registriert, nach regionalen, kommunalen, soziologischen, sozialen Gesichtspunkten gegliedert. Das Kriterium: Sie stellen die Volksgemeinschaft über die Rechte des Individuums, treten für ein Ein-Parteien-System ein, kultivieren rassistisches "Gedankengut", Juden- und Ausländerfeindlichkeit. Die Aktivisten unter den Neonazis agitieren für autoritäre oder totalitäre Staatsformen und verachten die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Zu dieser Sorte gehörten 1986 laut Bericht 1460 Extremisten, die in 23 Gruppen organisiert sind. Davon werden 202 als "militant" rubriziert, das heißt, sie treten für Gewalt ein und üben diese auch aus. "Die bedeutendsten Aktivitäten gingen", wie es heißt, von der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) aus, die auch, gelegentlich mit Erfolg, versucht, die Skinheads für ihre politischen Zwecke zu gewinnen, und von der "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e. V. (HNG)."