Kein anderes Nahrungsmittel hat eine vergleichbare Rolle gespielt

Von Ronald Graetz

Das Süße hat idealtypischen Charakter: „Arbeit macht das Leben süß“, sagt man; Hoffen sei ein „süßes Leiden“; auch Rache und „verbotene Früchte sind süß“. „Wer Zucker im Munde hat, hat Pfeffer im Herzen“, so ahnt man; in der Liebe sei nicht alles Zucker; „süße Wirte präsentieren saure Rechnungen“, wird befürchtet; und „nicht alles, was süß ist, ist Honig“ – es wird wohl der Zucker sein, den man bisweilen „den Affen gibt“. Redensarten für ein Symptom, dessen Ursachen eine interessante Erklärung finden. Sidney W. Mintz, Anthropologe an der John-Hopkins-Universität in Baltimore, beschreibt die Entwicklungsgeschichte der Zuckerwirtschaft – und gleichzeitig die Kulturgeschichte des süßen Geschmacks.

Sidney W. Mintz: Die Süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers; Campus Verlag, Frankfurt 1987; 312 S., 48,– DM.

Es entwickelt sich dem Leser mosaikartig das Bild der Geschichte eines Produkts, dessen Bedeutung selbst die von Gold, Tee, Kaffee und Tabak lange Zeit übertraf. Abhängig sind wir von dem weißen Kristallin. Es hat die Eigenschaft eines Suchtmittels, aber nicht nur nach dem angenehmen Reiz des Süßen; – in ihm verdichtet sich auch paradigmatisch die Eroberung, Kolonisierung und Ausbeutung Mittel- und Südamerikas. Es ist die gefährliche Droge Macht und Reichtum, die den Frühkapitalismus feudalen Zuschnitts mit diesem Produkt auf seine grausame sklavenhalterische Spitze trieb. Zucker ist ein bitteres Erzeugnis und war und ist ein Produkt des Unfriedens, wie Al Imfeld schrieb.

Möglicherweise schon vor 2000 Jahren in Indien produziert, kam der Zucker im 9. Jahrhundert ans östliche Mittelmeer und gut 100 Jahre später nach Mitteleuropa. Erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts lieferten Mittel- und Südamerika große Mengen Zucker in unsere Breiten. Untrennbar ist mit ihm und seiner Erwirtschaftung der Sklavenhandel von der ostafrikanischen Küste in die Karibik und nach Brasilien verbunden. Allein nach Barbados und Jamaika wurden zwischen 1701 und 1810 fast eine Million Sklaven verschleppt. Der Zuckeranbau war in Brasilien zunächst ein Mittel, koloniale Strukturen zu etablieren. Daneben bewirkte der Zusammenbruch des Zuckermonopols der italienischen Stadtstaaten, vor allen Dingen Venedigs, daß die Produktion auf Portugal und die Finanzierung wie Distribution auf die Flamen und Niederländer übergingen. So entstanden auf Latifundienbasis Monokulturen mit Sklavenwirtschaft.

Nicht zuletzt die Profitabilität dieses Systems war der Grund, daß die Sklavenbefreiung in Brasilien um 80 Jahre gegenüber den anderen Staaten Lateinamerikas hinausgezögert wurde. Diese von dem berühmten brasilianischen Anthropologen Gilberto Freyre zum Sinnbild verdichtete Polarität von Herrenhaus und Sklavenhütte ist hier so mächtig gewesen, nicht nur wegen des wachsenden Zuckerbedarfs in Europa; – es war die Synthetisierung dreier ansonsten geschiedener Gesellschaftsformen, der Sklaverei, des Feudalismus und des Kapitalismus. Hier wurde die Brücke zwischen Landwirtschaft und Industrialisierung geschlagen, Kapital- und Arbeitsintensität waren maßgebliche Faktoren der Entwicklung zum Großbetrieb.