Das Massaker von Hungerford hat die Briten in einen Zustand des kollektiven Schocks versetzt.

Was hat den 27jährigen Michael Ryan dazu getrieben, wild um sich schießend, durch die Straßen seiner Heimatstadt Hungerford zu ziehen und eine Spur des Todes und der Zerstörung zu hinterlassen? 15 Menschen, darunter seine Mutter, Nachbarn und Bekannte, starben; ebenso viele andere Personen wurden teilweise schwer verletzt, bevor Ryan sich, von der Polizei umzingelt, eine Kugel durch den Kopf jagte.

Fachleute und Medien warten mit einer Fülle von Erklärungen auf: An einen Gehirntumor glauben Mediziner, Psychologen sprechen von Schizophrenie und verweisen auf das offenkundig gestörte Verhältnis des Täters zum anderen Geschlecht; die Massenpresse schildert ihn als Versager und Muttersöhnchen, als Waffennarr oder Rambo Killer.

Beim Versuch, das Trauma zu verarbeiten und der Wiederholung eines solchen Amoklaufes vorzubeugen, konzentriert sich die öffentliche Diskussion in Großbritannien mittlerweile auf zwei Themen: den privaten Waffenbesitz und die Frage, ob Gewalt in Film und Fernsehen für dieses Verbrechen und für die immer bedrohlichere Welle der Gewaltkriminalität mitverantwortlich zu machen ist.

Die Fernsehanstalten, BBC und ITV, reagierten schnell und setzten einige besonders blutrünstige Western und Psycho-Thriller ab – allerdings nur aus Gründen des Taktes, wie BBC-Programmdirektor Michael Grade betonte. Auf keinen Fall wollte man diese Geste als Schuldeingeständnis verstanden wissen. Die Regierung Thatcher müßte wohl, nähme sie ihr eigenes Wahlprogramm ernst, die Fernsehprogramme strenger auf Gewalt und Sex hin unter die Lupe nehmen und dieses Geschäft nicht den dafür zuständigen freiwilligen Körperschaften überlassen.

"Man kann niemals ausschließen, daß ein ruhiger Bürger sich plötzlich und völlig unerwartet in jemand anderen verwandelt", hatte Innenminister Douglas Hurd festgestellt und damit die Sorge artikuliert, die Polizeibeamte, Psychologen und Bürger seither gleichermaßen umtreibt.

Gleichwohl deutet die Reaktion des Innenministers darauf hin, daß dieses politisch höchst brisante Thema wohl mit einer Mahnung zu schärferer Selbstkontrolle erledigt werden wird. "Wer von denen kannte schon Michael Ryan", fuhr Douglas Hurd einen Journalisten ziemlich barsch an, der ihn mit der Auffassung von einigen Psychologen und Polizeibeamten konfrontierte, die filmischen Gewaltorgien à la Rambo eine ursächliche Rolle bei der Entstehung von Verbrechen wie in Hungerford zuweisen.