ARD, Dienstag, 1. 9., 23 Uhr: „Der Verleger oder die Lust am Buch“ – Porträt von Hilde Bechert und Klaus Dexel

Eine „Spezial-Ehe“ nennt Martin Walser das Verhältnis zu seinem Verleger, und dann fällt ihm gleich das Beispiel des Harems ein: Hundert Autoren suchen die Nähe eines Mannes. Der aber könne sich zwischen hundert Autoren entscheiden. Hat der Verleger Macht? „Nein“, sagt Siegfried Unseld, er entscheide doch nur darüber, ob ein Manuskript ein Buch werde oder nicht. „Natürlich hat er Macht“, sagt Marcel Reich-Ranicki, und das sei auch ganz in Ordnung so. Thomas Bernhard präzisiert: Da existiere schon eine gewisse Abhängigkeit des Autors von seinem Verleger – „was dem Bauern der liebe Gott, ist der Verleger dem Autor“. Aber vielleicht seien es auch zwei Götter, die sich gegenüberstehen, überlegt Bernhard: „Die Autoren machen aus sich Götter, um dagegen bestehen zu können.“

Siegfried Unseld, „der junge Mann aus Ulm“, wie ihn einst Peter Suhrkamp nannte, kann heute auf ein Lebenswerk blicken. Er sei verliebt in das Gelingen, sagt Unseld. Er brauche das Gefühl, daß das, was er macht, richtig ist: „erotisch gewissermaßen“. An seiner Wand hängt gedruckt die Variante eines ausgiebig zitierten Adorno-Satzes. „Es gibt kein falsches Leben im richtigen“, heißt es nun schlicht. Und Unseld trägt die Gewißheit wie ein Schild vor sich her, es sei ihm nichts schiefgelaufen im Leben.

Das muß seine scheuen Dichter irritieren – und faszinieren. Ob Freundschaft mit so einem Mann möglich sei, will Walser beim Schachspiel und vor laufender Kamera lieber nicht beantworten. Daß Unseld siegt (hier beim Schachspiel), wundert den Verleger selbst am wenigsten. „Es ist nicht zu fassen“, sagt dagegen sein Autor, und tapfer erklärt Walser: Wenn er nicht das Gefühl hätte, einmal auch der Sieger zu sein, dann würde er nicht spielen.

Das gibt Unseld ein neues Stichwort: „Ich muß meine Arbeit als ein ernstes Spiel betreiben.“ Er, Jahrgang 1924, kam 1952 zum Suhrkamp-Verlag, wurde 1958 Gesellschafter und ein Jahr später Besitzer. Seither verkörpert er den Verlag mit intellektueller und physischer Präsenz. Für den Porträtisten ist so ein Mann eine leichte und am Ende fast unerfüllbare Aufgabe. Wer Ohren und Augen, Mikrophon und Kamera hat, muß im Grunde nur abwarten. Es kommt übergenug an fertigen, abrufbaren und fast immer fesselnden Erklärungen zum eigenen Leben und Werk. Doch das ist die Fassade. Ob es dahinter noch einen anderen Unseld gibt, ist ein altes Rätsel.

Auch Hilde Bechert und Klaus Dexel sind in ihrem einstündigen Fernsehporträt nicht dahintergekommen. Ihre Dokumentation lebt – und das ist ja auch in Ordnung so – von der Lebendigkeit ihres Helden, einer Lebhaftigkeit, die sich auch noch in den Äußerungen des Literaturkritikers und der verschiedenen Schriftsteller spiegelt. Max Frisch: „Er ist ein fanatischer, ein besessener Verleger.“

Unseld beim Diktat einer täglichen Chronik (aus der vielleicht einmal eine Verlagsgeschichte werden wird), Unseld in der Post- und Lektorenkonferenz, Unseld als Redner bei einer Verlagsfeier: Es lebe der Selbstdarsteller! Schließlich Unseld beim Schwimmen; jeden Morgen dreht er seine Runde, er schwimmt seit dem sechsten Lebensjahr, Und vielleicht habe es ihn gelehrt, was einen Verleger auszeichen müsse, Originalton Siegfried Unseld: „Panikresistenz und Simultankompetenz.“ Volker Hage