Langsam senkt sich der Deckel. Jetzt heißt es genießen. Freudig tasten die Hände nach dem Kippschalter: Bläuliches Licht aus 38 Röhren und einem Hochdruckbrenner strahlt auf anderthalb Quadratmeter weiße Haut. Kaum hörbar setzt der Deckel auf. Der Lichtsarg ist zu.

Die Gedanken schweifen zu den Freunden, die in Torremolinos am Strand liegen. Morgens auf dem Bauch, nachmittags auf dem Rücken – ständig darauf konzentriert, eine möglichst große Hautfläche optimal zu exponieren. Da kommt die Bräunungsmuschel dem Ideal der Rundumbesonnung wesentlich näher: Dank ihrer gemuldeten Liegefläche und ihres gewölbten Deckels sorgt sie für „extreme Seitenbräunung“. Nur die weißen Druckstellen an Schulterblättern und Steißbein verraten den heimlichen Brauner.

In zehn Sitzungen à dreißig Minuten empfängt der Büromensch den sommerlichen Teint. Wie schnell, gemessen an den Stunden, die man der Sonne wegen am Strand verbringt. Da quälen sich Millionen Autofahrer über die Autobahn. Züge entgleisen, Fähren kentern, Flugzeuge stürzen ab. Können die Leute nicht zu Hause bleiben, wo doch jede Kleinstadt ihr Solanum hat?

Was wäre da für Geld zu sparen! Nahtlos braun für 99 Mark, lautet das Sommerversprechen eines Hamburger „Bronzariums“; zwei Wochen Torremolinos kosten mehr als tausend Mark.

Und das schlechte Wetter! Im Solanum scheint die Sonne, bis der Strom ausfällt. Es regnet nie. Keine Kleinkinder, keine Kofferradios – ruhig ist es in der Bräunungsmuschel. Keine Mückenstiche, keine Hitzepickel. Jeder schwitzt für sich allein.

Viele Gründe sprechen für die Kunstsonne. Nur hat die Besonnungsbranche das noch nicht begriffen. Noch immer wird die Sonnenbank als flankierende Maßnahme verkauft: als „Vorbräunen“ und „Nachbräunen“ oder auch als „Überbrücken des Winters“. Mit diesem Unfug muß endlich Schluß sein: Die Kunstsonne ist kein schlechter Ersatz, sie ist eine echte Alternative. Kennern ist schon lange klar: Urlaub – nur noch in der Bräunungsmuschel.

Christiane Röhrbein