Von Hansjakob Stehle

Castel Gandolfo, im August

Hitze brütet über dem Krater des Albaner Sees, von dem einst Papst Pius IX. meinte, daß der düstere, unbewegte Wasserspiegel mehr Todes- als Ferienstimmung verbreite. Hoch über dem See, in einem grau drapierten, nur mit zwei heiteren Landschaftsgobelins geschmückten Schloßsaal sitzen hemdsärmelig um den Konferenztisch 24 Philosophen, Historiker und Soziologen aus sechs Ländern, Gelehrte verschiedener Meinungen und Konfessionen, um über "Europa und die Folgen", die guten wie die bösen, zu diskutieren. Den Vorsitz hat nicht etwa der – so scherzt er philosophisch – "vorübergehende" Hausherr dieser päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo. Johannes Paul II. sitzt stumm, ganz unscheinbar, an einem Nebentischchen und hört angestrengt zu. Manchmal rückt er auf dem harten Stuhl hin und her; nur seine Hand, die mit den Perlen eines Rosenkranzes spielt, verrät die innere Bewegung, die manches Argument in ihm auslösen mag.

Komplizierten Gedankenflügen in drei Sprachen zu folgen, ist kein reines Vergnügen bei 30 Grad, die auch ein altmodischer Ventilator nicht mildert. Urlaubserfrischung bietet dem Papst der tägliche Sprung ins Schwimmbad, das im Schloßpark hinter Zypressen, Pinien und den Resten einer römischen Kaiservilla versteckt ist. Die geistige Erholung und Anregung hatte ihm sein polnischer Landsmann Michalski, Direktor eines Wiener "Instituts für die Wissenschaften vom Menschen" ins Haus gebracht. Die Professoren sollten drei Tage lang das "Heil und das Unheil", das Europas Ideen der Menschheit beschert haben, vor dem Papst ausbreiten – nicht schönfärberisch oder fromm verbrämt, sondern dort zupackend, "wo es wehtut", wie Michalski sagt.

Da hatte Carl Friedrich von Weizsäcker die friedenstiftende Aufgabe Europas zwischen den Weltmächten und anderen Kulturen skizziert: nicht durch atomare Abschreckung oder Weltraumverteidigung ("SDI ist einfach ein neuer Schritt im Rüstungswettlauf"), sondern durch "Umwandlung des heutigen Waffenstillstands der Weltmächte in einen politischen Frieden", durch "soziale Gerechtigkeit, die Freiheit ermöglicht" und durch "Versöhnung der Technik mit der Natur". Andere Vorträge versuchten das widerspruchsvolle Verhältnis zu Europa zu klären, das sich politisch und geistesgeschichtlich in Rußland, in Polen und in jenem Deutschland entwickelt hat, dessen stets "unsichere Identität" auch seine Nachbarn verunsichert und durch "erstaunliche Nachgiebigkeit der alten Eliten, einschließlich der christlichen Kirchen" Hitlers Aufstieg ermöglicht hat (so Fritz Stern, New York).

Und wie wirkt sich, so fragten zwei Referenten, auf andere Kulturen wie etwa die indische oder die des Islam die Berührung mit einem Europa aus, das seinen Fortschritt immer mehr als nur technisch-materiellen und seine Werte als nur relative, nicht absolute anbietet?

Kein Wunder, daß die "Christlichkeit" Europas – ein Lieblingsthema des Papstes – in dieser Gelehrtenrunde von Castel Gandolfo, zumal in der Schlußdebatte, sehr kritisch zur Sprache kam. Der Bielefelder Historiker Reinhart Koselleck, der über die "Grenzen der Emanzipation" referierte, stellte fest, daß bis in das achtzehnte Jahrhundert ‚keine theologische oder moralische Lehre von der inneren Freiheit oder der Gleichheit aller Menschen vor Gott oder von ihrer naturgegebenen Gleichheit" jemals die Unfreiheit, Hörigkeit, Knechtschaft oder gar die Institution der Sklaverei in Frage gestellt hat. Hingegen gab der Münchner Philosoph Robert Spaemann zu bedenken, daß der europäische Relativismus – "ein Luxus der Etablierten und nichts für Unterdrückte" – nicht nur zum religiösen Glaubensverlust, sondern zur Entmenschlichung der europäischen Zivilisation beigetragen habe. Nur durch den "Gedanken des Unbedingten" gewinne aber die Menschenwürde plausiblen Wert.