Von Michael Zeller

Man darf es nicht unterschlagen: Ein wesentliches Moment der nachgelassenen Schriften Rolf Dieter Brinkmanns für einen Leser heute liegt außerhalb der Literatur. Es ist der Tod des Verfassers, ein gewaltsamer, unzeitiger Tod, der ihnen die Wucht von Letzten Worten sichert – und eine Scheu vor dem Widerspruch. Mit nichts aber könnte man diesem Autor größeres Unrecht tun als mit Pietät, und nichts hätte er auch weniger verdient. Unter der barocken Titulatur „Erkundigungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand: Träume/Aufstände/Gewalt/Morde. Reise Zeit Magazin“ hat Maleen Brinkmann, die Witwe, die Tagebuchaufzeichnungen des Jahres 1971 herausgebracht, ein stattliches Konvolut.

In diesen Notizen läßt Brinkmann seiner ganzen Heftigkeit, seinen Haß auf die Welt, der in Selbsthaß überschnappt (und umgekehrt) die Zügel schießen – so hemmungslos und unkontrolliert, daß es mir nicht gelingt, hier kühlen Blutes ein Stück Literaturgeschichte zu lesen. Die meisten Adressaten der Brinkmannschen Haß-Kaskaden sind noch am Leben, und ohne Brinkmanns Tod 1975 wäre dieses Tagebuch kaum an die Öffentlichkeit gelangt. Ja, ich hoffe für ihn, ein lebender Brinkmann hätte es nicht nötig gehabt, seine „Erkundungen“ aus dem Jahr 1971 jemals herauszubringen.

Und doch: Immer wieder, beim größten Unmut, schiebt sich beim Lesen die Tatsache seines Todes vor die eigene Wut. Das macht die Lektüre besonders schmerzhaft. Diese „Erkundungen“ lassen eine dumpfe Hilflosigkeit zurück, denn – wie streitet man mit einem Toten?

„Heute: am 31. Oktober 71, passierte mir wieder eine gespenstische Wahnsinns-Szene: der Abend ist verhältnismäßig still wegen der aufeinanderfolgenden 3 freien Tage, die Straßen leer, da kommt mit einem irrwitzigen monotonen stinkenden Krach ein Porsche angefahren, drin sitzt so ein Slum-Junge mit seiner Vorstadt-Fotze, vor ihm alles frei, hinter ihm alles auf der Straße frei, und er drückt auf das Pedal, und der Augenblick ist nur noch von diesem wahnsinnig ratternden Stink-Blech erfüllt, und ich merke, wie sich mein ganzer Körper zusammenzieht, alle Organe verkrampfen sich, und ich sehe, wie in der ganzen Szene die Leute sich zusammenziehen und ducken/und im gleichen Moment ist da in mir die Szene, wie mit einem gezielten Schuß in die Reifen dieses rasenden Mist-Kerls plötzlich alles endet. Der Wagen schleudert, überstürzt sich, prallt gegen eine Hausfront und explodiert. Flammen schlagen hoch, Fensterscheiben klirren, Schreie und schwarze Rauchwolken. Wieder ein Krachmaier weniger und weg.“

Wie lese ich diese Mordphantasie angesichts des Todes dreieinhalb Jahre danach, des Londoner Todes in einer April-Nacht 1975? Brinkmann, eben 35 geworden, streifend, witternd, „mit viel zu weit aufgerissenen Augen und unter dem Streß, jede Einzelheit zu beachten, aufzunehmen und dabei unbeholfen“, er tritt am Piccadilly Circus in die Straße, diese Leuchtreklame drüben! Ein Auto, unerwartet von links herausschießend – Brinkmann ist; sofort tot. Ein deutscher Dichter weniger und weg. (Beim Stöbern finde ich einen frühen Prosatext Brinkmanns aus dem Jahr 1967, „Piccadilly Circus“. Sein letzter Satz: „die Fronten der Häuser schwärzlichgrau, wie ausgebrannt, erloschen, leer, tot, tot, tot, tot“;)

Die „Erkundungen“ sind in photomechanischer Reproduktion als Original-Typoskript erschienen, so wie sie Brinkmann nachts zumeist, oft genug alkoholisiert, in die Schreibmaschine haute: streckenweise einzeilig getippt und in springenden Kolonnen, mit Dreck und Speck – mitunter eine Tortur fürs Auge. Und doch war dieses Verfahren notwendig, um Brinkmanns Collagen zu retten, dieses „Wort&Bild-Delirium“ aus Geschriebenem und hineingeklebten Zeitungsfetzen, Werbematerial, Geldscheinen, Briefen, eigenen Photos. Es ist das gleiche Stilprinzip, nach dem Brinkmann dann bei seinem anschließenden Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom 1972/73 gearbeitet hat: der Versuch, das starre Buchstabengerüst aufzureißen, die Schreibe mit der Film-Technik des Schnitts in Bewegung zu setzen.