Evelyn Schlag: „Die Kränkung“, Erzählung

Eine junge Frau, Schriftstellerin, und ihr Freund, ein Linguistik-Dozent, ziehen aufs Land; sie richten das abgewohnte alte Haus her, ziehen Blumen, Kräuter, Gemüse, halten Tiere und versuchen, in ihrem oft gar nicht idyllischen Tagwerk Hinweise auf sich selbst zu finden. Ein solches Thema könnte zur platt-modischen Aussteigerschmonzette verkommen, aber Evelyn Schlag wendet es mit stilsicherem Geschmack zur Geschichte einer Entfremdung, in die sich die erzählende junge Schriftstellerin verstrickt. Im Dialog mit einer Freundin, deren Existenz von der Autorin zwischen Realität und Fiktion in traumwandlerischer Schwebe gehalten wird, befragt sie im Spiegelbild der anderen ihr Leben. Der psychotische Rückzug in sich selbst endet mit der somatischen Revolte des Körpers: eine Tuberkulose, deren Überwindung auch den seelischen Neubeginn erst möglich erscheinen läßt. Trotz Handlungsarmut entwickelt die Erzählung (S. Fischer Verlag, Frankfurt 1987; 197 S., 12,80 DM) in ihrer sinnierenden Beobachtung einen erzählerischen Sog, überzeugt die Ruhe einer bildkräftigen Sprache. „Jeder Künstler“, so läßt die Autorin die tote Freundin behaupten, „schneidet sich ein Ohr ab und nagelt es außen an die Tür, so daß die anderen hineinrufen können.“ Es scheint, daß in Evelyn Schlags kreativem Ohr schon viele Stimmen zusammengefunden haben. Barbara von Becker

Thomas Breuer: „Huren, Hänger und Hanutas“

Der Kommissar hat Schwierigkeiten mit seinen Kontaktlinsen, der Autor mit seiner Wortgewalt: „Schweiß dümpelte auf seinem Jerseyhemd und drohte das darauf abgebildete Känguruh zu ersäufen.“ Die Geschichte aber hüpft weiter: mal Krimi, mal Provinzsatire, mal Trucker-Saga, mal Milieustudie. Sie hüpft auch mit leerem Beutel – „er nestelte behaglich grunzend an seinen dampfenden Geschlechtsteilen herum“ – und über Leichen, von denen die eine, eine üppige Schönheit aus der Karibik, dann doch nicht vom dampfmachenden Fleische fällt. Ein Dichter kommt in „Huren, Hänger und Hanutas“ (Verlag Afholderbach & Strohmann, Siegen 1987; 250 S., 28,– DM) auch vor; er hüpft aber nicht, er hinkt. Am Schluß hängt er auch noch, nachdem ihn sein Kollege Thomas C. Breuer mit Hohn und Spott übergössen hat. Aber nicht aufgrund seiner dem Erzählduktus unangemessenen Fortbewegungsweise, sondern weil er sich „wegen der Kohle“ zum Stadtschreiber von Hirschau hat machen lassen. Der angepaßte Nonkonformismus unserer Stipendiatenliteratur ist der flotten Schreibe Brauen nämlich ein Greuel, und dem Leser hüpft das Herz im Leib. Besonders wenn er erfährt, daß soviel Prinzipientreue nicht unbelohnt geblieben ist: „Die Arbeit an diesem Buch erfuhr freundliche Förderung durch den Förderkreis deutscher Schriftsteller in Stuttgart.“ Ulrich Horstmann