So freundlich, ja liebevoll hat schon lange niemand mehr über Helmut Kohl gesprochen. Martin Bangemann rühmte des Kanzlers Verläßlichkeit und Ehrlichkeit, und er bescheinigte ihm Sinn für Realität: „Es wäre unsinnig anzunehmen, was man offenbar in bestimmten Teilen der CDU und auch der CSU vor allem annimmt, daß man sozusagen auf den Tisch hauen kann, und dann bringt man die Sache in Ordnung nicht nur in der eigenen Partei, sondern auch gegenüber dem Koalitionspartner. Das kann nicht funktionieren.“

Ein Freund des Kanzlers meinte wehmütig-verbittert, er sei bereit, eine Flasche Sekt auszugeben, wenn einer der Unionsoberen so schön und überzeugend zum Ruhme des Kanzlers reden würde. Die Gefahr besteht kaum, daß sich der Kanzler-Freund in Unkosten stürzen muß. Auch Regierungssprecher Ost ist kein Anwärter auf den Schampus, obwohl er prophezeite, der Kanzler werde nach dem Urlaub „fest entschlossen das Staatsschiff knallhart auf Kurs bringen“.

Nicht ohne Ingrimm wird im Kanzleramt registriert, wie Franz Josef Strauß dem Kanzler am Zeug flickt. Ob in Interviews mit dem Fernsehen, ob in Bild am Sonntag oder in Quick – Strauß ist immer für eine maliziöse Bemerkung gut, zum Beispiel über den politischen Wettermacher in Bonn, der die Kunst beherrsche, „wenn es regnet, den Regen durch Erklärungen in Sonnenschein zu verwandeln“.

Da niemand in der Union sich vorläufig einen Kanzlerwechsel vorstellen kann, auch nicht im ungünstigen Falle, daß der schleswig-holsteinische CDU-Ministerpräsident nach den Landtagswahlen sein Amt verliert, ist das Motiv für die fortdauernden Münchner Mäkeleien nur schwer auszumachen. In der CDU behilft man sich wieder einmal mit der Vokabel „irrational“.

In einem Punkt freilich hat Strauß nicht so unrecht Ein „absolut unsinniger und unnötiger Krach um nichts“, wie Kohl die Händel in der Union bezeichnete, war das wohl nicht. Sicherlich nützte es dem Kanzler nichts, wenn er versuchte, mit einem Machtwort den Streit zu beenden. Aber wäre es zu viel verlangt, wenn er zeigte, warum die Union Grund zum Nachdenken hat? Schließlich hat Kohl früher gern über die neuen Herausforderungen der Politik philosophiert. Es stünde dem Kanzler nicht schlecht an, den Streit, den er nicht beenden kann, in eine sinnvolle politische Debatte über die Zukunft der Union überzuleiten.

Die heiter-besonnte Landschaft, in der sich der FDP-Vorsitzende Bangemann dem Fernsehen präsentierte, entspricht durchaus der Stimmung der Partei. Nicht, daß der Parteitag nächste Woche ganz ohne Risiko wäre: Sollen Frauen in der Bundeswehr dienen können, heißt eine Streitfrage, wie hält’s die FDP mit dem Vermummungsverbot, eine andere. Aber irgendwie scheint sich die Partei ein warmes Plätzchen auf der Sonnenseite gesichert zu haben. Ihre geschmeidige Mischung aus Prinzipientreue und Opportunismus, aus Freundlichkeit und Chuzpe kommt gegenwärtig beim Wähler gut an – gefährlich gut, wie die Demoskopie-Experten der Union meinen.

Bundesweit liegt die FDP in den hochgerechneten Umfragen bei neun bis zehn Prozent, ihr Einzug in den Landtag von Schleswig-Holstein ist kaum aufzuhalten, und auch in Bremen kann sie sich Hoffnungen machen. Bei der Frage, welche Partei in den letzten zwei Jahren besser geworden sei, liegen die Liberalen inzwischen weit an der Spitze.