„Ein Z und zwei Nullen“ und „Der Bauch des Architekten“: Die Experimente des Peter Greenaway

Von Andreas Kilb

Ein guter Handel, scheinbar. Mr. Neville, ein angesehener Landschaftsmaler, soll den Landbesitz des reichen Mr. Herbert zeichnen, aus zwölf verschiedenen Ansichten und zu zwölf verschiedenen Tageszeiten. Dafür darf er sich, neben Bezahlung und Logis, zu festgesetzter Stunde mit der Frau und der Tochter des auf Reisen weilenden Hausherrn vergnügen. Aber auf Nevilles Zeichnungen, hübschen, harmlosen Genrestücken, zeigen sich Details, die nicht in das Konzept des Malers passen, Schuhe, ein Laken, eine Leiter. Die Gegenstände werden Zeichen, und die Zeichen deuten auf etwas hin: ein Verbrechen, einen Mord. Ein schlechter Handel: Mr. Neville bezahlt ihn mit dem Leben.

So steht es, so sieht man es im „Kontrakt des Zeichners“, dem Film, mit dem Peter Greenaway vor fünf Jahren das Vorurteil widerlegte, Avantgarde und Erzählkino, Unterhaltung und Reflexion seien unvereinbar. Greenaway spiegelte die Gegensätze ineinander und kreuzte sie zu einem hybriden Filmgewächs, einem philosophischen Kostümthriller. England um 1700, eine Gesellschaftsintrige, ein Bilderrätsel, Kunst, Eros und Tod. Ein Geniestreich, ein Einzelstück: scheinbar.

Betrachtet man den „Kontrakt“ genauer, so treten daran Züge eines ausgeklügelten epischen Planes hervor. Der Film gibt durch die Maskenspiele seiner Handlung hindurch Anweisungen, wie das Kino, Greenaways Kino, überhaupt zu lesen sei. Mit dem genanten Zeichner Neville führt er einen prototypischen Zuschauer vor, der die Welt, die er durch seine optischen Apparaturen wahrnimmt, nicht verstehen kann, weil er sich an den schönen Schein seiner Bilder klammert, statt den darin versteckten Indizien zu folgen. Mr. Neville stirbt, weil er im falschen Film sitzt.

Der Kontrakt des Zeichners ist auch ein Kontrakt mit dem Zuschauer: schärfe deinen Blick, und du wirst entrinnen – dem Unverständnis, der Blindheit, dem Langeweiletod. Greenaways erster Spielfilm ist wie das Vorwort des Herausgebers zu einer endlosen Edition. Oder wie der Bauplan zu einem Gebäude. Parterre und Obergeschoß sind in den nächsten Wochen zu besichtigen.

Zwei neue Filme von Peter Greenaway kommen in diesem Herbst in die deutschen Kinos. Eben ist „Ein Z und zwei Nullen“ angelaufen, 1985 gedreht, ein Film, der nur dank der Initiative des kleinen Münchner „Von“-Verleihs endlich hierzulande zu sehen ist; Anfang Oktober folgt dann „Der Bauch des Architekten“, Greenaways jüngstes Werk, das den Regiepreis in Cannes mindestens ebenso verdient hätte wie Wim Wenders’ „Himmel über Berlin“.