Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im August

Wenn Erich Honecker in anderthalb Wochen die Bundesrepublik besucht, werden die Gespräche und Verhandlungen zwischen Einvernehmen und Gegensätzen pendeln. Zum Einvernehmen gehören zum Beispiel die drei Abkommen über Umweltschutz, wissenschaftlichtechnische Zusammenarbeit und Informationen zur Reaktorsicherheit. Gegensätze bleiben vor allem die abgeriegelte Demarkationslinie, der Schießbefehl und auch das Bonner Verlangen nach noch mehr Freizügigkeit, besonders von Ost nach West. Was die nationale und internationale Politik im allgemeinen betrifft, so werden Helmut Kohl und sein Gast den alten Satz, daß von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen dürfe, ohne jeden Vorbehalt aufs neue unterschreiben.

Gerade in diesem Satz stecken jedoch Übereinstimmungen und Widersprüche zugleich. Einerseits zieht er die Konsequenz aus der Binsenwahrheit, daß ein atomares Inferno nur den gemeinsamen Untergang brächte. Andererseits aber macht diese Formel deutlich, daß Friedenssicherung im Grunde weit über die Vorbeugung und Verhinderung von militärischen Konflikten hinausreicht und zu einem kategorischen Imperativ geworden ist. Wenn denn Krieg tatsächlich unterbunden werden soll, weil er – zumal in seiner nuklearen Form – als Mittel der Politik überhaupt nicht mehr in Frage kommt, dann muß die Kooperation erheblich darüber hinausgehen und zu jenen eigentlichen Gegensätzen vorstoßen, für die bewaffnete Auseinandersetzungen bloß Symptome sind.

Auch das ist längst eine Binsenwahrheit – jedoch eine, die noch nicht durchbuchstabiert worden ist. Statt dessen ist im deutsch-deutschen Verhältnis immer in einem Atemzug von Öffnung und Abgrenzung die Rede – Ausdruck der Tatsache, daß Kohl und Honecker nicht nur zu den Repräsentanten zweier verschiedener weltweiter Systeme gehören, deren Gegensatz zur Teilung des eigenen Landes geführt hat, sondern daß beide Politiker auch zugleich zwei Staaten vertreten, die aus ein- und derselben Nation hervorgegangen sind. Unter den atomaren Vorzeichen können die Deutschen einander nicht mehr Feinde, aber angesichts des ideologischen Schismas dürfen sie im politischen Umgang doch nur in Grenzen Freunde sein.

Der lange Zeit überideologisierte Antikommunismus hier und die haßerfüllte Verketzerung des Imperialismus dort, erst recht verfestigt durch den handfesten Machtkonflikt zwischen West und Ost, haben es immer wieder schwer gemacht herauszufinden, wo und wie trotz verschiedener Grundsätze Streit und Wettbewerb möglich wären, ohne gleich wieder in die Nähe militärischer Kategorien zu geraten. Da hat es bisher kaum mehr als Erkundungsunternehmen gegeben – wie zum Beispiel jene Zusammenkünfte zwischen Mitgliedern der sozialdemokratischen Grundwertekommission und Abgesandten der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim^ Zentralkomitee der SED, bei denen es schon wiederholt darum gegangen ist, die tiefen ideologischen Unterschiede zwar auszuloten, sie aber unter dem kategorischen Imperativ der Kriegsverhinderung ohne Vertuschung der Differenzen gleichsam zu domestizieren.

Noch vor anderthalb Jahren, beim bisher letzten Treffen im größeren Kreis, schien es nahezu unmöglich, dafür so etwas wie einen Verhaltenskodex zu entwickeln. Zwar hatte Michail Gorbatschow auf dem vielberufenen Parteitag der KPdSU Anfang 1986 gerade gesagt, daß sich unter den nuklearen Vorzeichen Bedingungen ergeben hätten, „unter denen die Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus lediglich und ausschließlich in Formen des friedlichen Wettbewerbs und der friedlichen Rivalität verlaufen kann“. Ebenso hatten, erstaunlich genug, die Professoren von der SED-Akademie von „Koalitionspartnern“ auch bei der herrschenden westlichen Bourgeoisie gesprochen, von der sie zwar keinen Verzicht auf ihre Klasseninteressen erwarteten, wohl aber, daß sie ihre Ziele auf eine Weise verfolge, „die nicht mit den Gattungsinteressen der Menschheit kollidiert“. Und umgekehrt hatten Erhard Eppler, der Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, und andere Kommissionsmitglieder postuliert, in der Welt der Massenvernichtungsmittel heiße Miteinanderleben, über das „Du oder ich“ mit der Negation der Existenzberechtigung des jeweils anderen hinauszukommen. Da hörte die Bank der SED wie gebannt zu.