Augsburg: „Meisterzeichnungen des deutschen Barock“

Joachim von Sandrart, der Verfasser der 1675 erschienenen „Teutschen Academie der Bau-, Bild- und Malerey-Künste“, hat sich selbst auch zu den bedeutenden Malern des 17. Jahrhunderts gerechnet, eine Einschätzung, die sich als Überschätzung entpuppte. Bei anderen war seine Diagnose genauer, er hat unter seinen Landsleuten drei Maler von europäischem Rang ausgemacht, Adam Elsheimer, Johann Liss und Johann Heinrich Schönfeld – genau die (und nach wie vor nur die) haben heute einen gesicherten Platz im barocken Pantheon. Man kann darüber streiten, ob Elsheimer, der erste Deutsch-Römer, Liss, der Wahl-Venezianer und Schönfeld, der lange Jahre in Neapel und Rom lebte, zur deutschen Kunst gehören oder doch nicht eher zur italienischen. Elsheimers Kunst hat Claude Lorrain, Rubens und Rembrandt beeinflußt, die von Liss noch im 18. Jahrhundert Piazetta (und allerdings auch Maulbertsch), unmittelbare Reflexe in der heimischen Malerei sucht man vergebens. Die damals in Deutschland entstehende Kunst, das macht die Ausstellung deutlich, war auf die barocke Avantgarde nicht vorbereitet, ausgerichtet auf Spielarten des Manierismus nördlich der Alpen. Der Dreißigjährige Krieg hemmte die Entwicklung zusätzlich, selbst in einem weltoffenen Kunstzentrum wie Augsburg gelang der Aufschluß zum international aktuellen Geschehen nur mühsam, wenn überhaupt. Sogar Schönfeld, der 1651 nach Augsburg übersiedelte, bezahlte den Ortswechsel anfangs mit einem Verlust an Inspiration. Die Kunst stagnierte auf handwerklich hohem Niveau. Entdeckungen sind nicht zu machen, Überraschungen gibt es gelegentlich schon. Je mehr sich die Ausstellung dem 18. Jahrhundert nähert, desto interessanter allerdings wird sie. Wenn sich über dem barocken Himmel ein weiterer öffnet, der des Rokoko, kommt die Augsburger Kunst (und nicht allein sie) zu sich selbst. In den Zeichnungen, insgesamt zweihundert, ausgewählt aus einem Bestand von etwa 5000 Blättern, tritt nun die Erfindung an die Stelle der Nachschöpfung. Von Cosmas Damian Asam bis Januarius Zick reicht das Panorama einer Kunst, die im Fresko sich vollendete. So sind die Entwürfe zu Deckenmalereien der eigentliche Höhepunkt der Ausstellung. (Städtische Kunstsammlungen im Zeughaus, bis zum 6. September; Katalog 35 Mark).

Helmut Schneider