ZDF, Donnerstag, 20. August: „Verwirrende Liebe“

Lena schafft die Fahrprüfung nicht. Sie schafft es nicht mal, das Auto zu starten. Soviel Undichtigkeit nervt auch den geduldigen Ehemann, doch da Lena schön und sanft und beider Söhnchen eine gute Mutter ist, fällt es Johannes nicht schwer, sie zu lieben.

In seinem Herzen aber gibt es eine freie Zone. Das zeigt die Geste, mit der er die Brille aus seinem Gesicht entfernt, als er erstmals Li, die fröhliche blonde Lehrerin seines Sohnes Markku, erblickt. Li wird mit den Dingen fertig: zu gut. Sie hat sich ans Lügen gewöhnt, um klarzukommen, und als es sie jetzt erwischt und sie der Welt das zeigen will, brechen die häuslichen Arrangements ein. Auch sie ist nur halb so tüchtig, und Johannes, der Mann zwischen Li und Lena, sowieso: Er läßt seine Hörer mitten in der Vorlesung „Über den moralischen Konflikt“ allein, weil sein eigener ihm auf den Magen schlägt.

„Verwirrend“ ist nicht bloß die ehebrecherische Beziehung zwischen Johannes und Li, sondern die Liebe selbst. Sie bindet den Mann an sein scheues dunkles Eheweib und läßt doch just aus dieser Bindung die Sehnsucht nach Li, der energischen Bondine, wachsen. Die Liebe will alles, und jeder Teil, den sie kriegt, ist ein Vorwurf an das Schicksal wegen des Restes, der fehlt. Und wenn wirklich einer, wie Johannes, das Ganze in den überraschten Armen hält, Familie und freie Liebe, Eheliebste und Kebse, Mutter und Hure, dann ist nicht das Glück vollkommen, sondern die Verwirrung. Eros wandert, und die Gefühle kleben – dieser Webfehler in der menschlichen Konstitution beschert uns Eifersucht, Scheidung und Gattenmord – und das Dreieck als ein Lieblingssujet der dramatischen Literatur.

Der schwedische Spielfilm „Verwirrende Liebe“, der letzten Donnerstag im Zweiten in deutscher Erstaufführung lief, vermaß das Dreieck mit ungewohnter Gründlichkeit. Li im Überschwang, Lena im Unglück und Johannes in der Zerreißprobe, das reichte nicht aus, es kamen subversive Konstellationen hinzu wie Li und der Sohn, beide Frauen im Gespräch, und fast stiftet die Lockere das Mütterchen zum Seitensprung an. Sogar der Graf von Gleichen oder die paradiesische Utopie vom lebbaren Dreieck werden zitiert: Man fährt zu viert in den Urlaub, und Lena erkennt erstaunt, daß ihre Angst sich gibt. Aber es wird dann doch die traurige Fassung der „Stella“, wenn auch nicht gleich die tragische: statt tödlicher Verletzungen nur Ohrfeigen und zerbrochenes Geschirr.

Regisseur Kallifatides hat den alten Stoff unaufwendig, was Personen und Schauplätze, reich, was die Erzählmotive betrifft, inszeniert. Das Dreieck in seiner bedrohten und bedrohlichen Statik ersteht lebensgroß, und doch merkt man dem Film keine Anstrengung an. Das kommt daher, daß er kein Problem- und kein Dialog-, sondern ein Blicke-Film ist, das heißt überhaupt ein Film. Die Gesichter, die Augen geben die großen Geständnisse ab, sie treffen einander aus unverwandten Winkeln und halten dadurch die des Zuschauers bei den Bildern. Da dürfen dann ruhig Worte fallen wie „Du weißt nicht, was Liebe ist“ oder „Die Lüge ist eine Art von Mord“, denn die sind nur Material für Lippen, deren Linien und Bewegung das Wichtige bleiben. Gesichter, „von Liebe verwirrt“ – mehr kann ein Film zu diesem Stoff nicht zeigen.

Barbara Sichtermann