Die Arbeiter rebellieren gegen ein Wirtschaftswunder auf ihre Kosten

Von Helmut Becker

Es ist die Überzeugung des Vorsitzenden Chung, daß er seinen Arbeitern im Rahmen des in Korea Üblichen stets das Beste geboten hat“ – Yoo Chul-Jin, Vize-Präsident des Schwerindustrie- und Werftkonzerns Hyundai Heavy sagt das voller Stolz und fügt hinzu: „Die Löhne bei Hyundai sind in Korea absolute Spitze.“ Kaum ein Mitarbeiter teilte vergangene Woche die Ansichten von Chung Ju-Yong, dem Gründer und Alleinherrscher über Südkoreas mächtigstes Firmenimperium, die Hyundai-Gruppe. Wie überall in dem ökonomisch aufstrebenden ostasiatischen Land gingen auch die Hyundai-Arbeiter für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen auf die Straße. Die Industrie- und Hafenstadt Ulsan am Japanischen Meer, die in Südkorea als Hyundai-Stadt bekannt ist, war das Zentrum der Massenstreiks.

Bisher hatte stets alles in der Stadt auf das Kommando Chungs, der legendären Symbolfigur des südkoreanischen Unternehmertums gehört. Von den 32 Großunternehmen, die die Hyundai-Gruppe bilden, haben zwölf ihre wichtigsten Betriebe in Ulsan, darunter auch der Autohersteller Hyundai Motor. Von den Werksdirektoren bis hin zu den Prostituierten im verwahrlosten Altstadtkern der Stadt lebt jeder Bewohner von Hyundai-Stadt direkt oder indirekt von dem, was der heutige Ehrenvorsitzende Chung für „das Beste“ in Südkorea hält. Verschwendung kann man dem Firmenpatriarchen Chung kaum nachsagen, obwohl bei Hyundai für koreanische Maßstäbe tatsächlich gut verdient wird. Die 950 Mark, die ein Werftfacharbeiter in Ulsan im Monat einschließlich Bonus nach Hause trägt, rechnen zu den Spitzengehältern in der Industrie des ehrgeizigen Schwellenstaats. „Obwohl sie bei uns besser bezahlt werden, rufen sie nun nach immer mehr“, klagt Vizepräsident Yoo. Der gläubige Katholik befürchtet aber noch Schlimmeres: „Die Arbeiter sind nicht mehr zufrieden und glauben seit dem 29. Juni, daß sei nun ihre Stunde.“

Damit spielt der Werftboß auf den Schwur an, den der Präsidentschaftskandidat der Regierungspartei, Roh Tae Woo, auf dem Höhepunkt schwerer Studentenunruhen in ganz Südkorea abgelegt hatte: Die Demokratie soll eine Chance bekommen, in Gesprächen mit Opposition und Dissidenten will er einen neuen Verfassungsentwurf vorlegen. Seither gingen die Studentenunruhen in die größten Arbeitskämpfe, in Streiks, Aussperrungen und blutige Zusammenstöße zwischen Arbeitern und Polizei über. Yoos Fazit: „Das Demokratisierungsfieber hat das Wirtschaftsleben bei uns erfaßt und erschüttert.“

Alle Räder standen still

Vergangene Woche standen in Ulsan alle Räder still: 40 000 demonstrierende Hyundai-Werker wünschten auf Transparenten ihren „von allen wie ein Vater verehrten Gründer“ – so eine Hochglanzbroschüre des Konzerns – zum Teufel und forderten demokratische Gewerkschaften. Im Sportstadion der Stadt loderte eine riesige Puppe des Hyundai-Patriarchen in Flammen auf.