Der Leiter der Bayerischen Staatskanzlei reagierte prompt. Der Vorsitzende der Deutschen Postgewerkschaft hatte von ihm schnell eine Bestätigung auf dem Tisch: Edmund Stoiber und Kurt van Haaren werden sich am 2. Oktober persönlich treffen. Die beiden verbindet das Schicksal der Deutschen Bundespost. Seitdem die Reformvorschläge der eigens eingesetzten Kommission bekannt geworden sind, finden sich fast täglich neue Bündnispartner.

Es geht um die Frage, in welchem Ausmaß das Geschäft der Behörde, sie ist mit siebzehn Milliarden Mark stärkster Investor und mit 550 000 Beschäftigten größter Arbeitgeber im Lande, privatisiert werden soll. Für den lukrativen Bereich der Telekommunikation gibt es viele Interessenten.

Wirtschaftsminister Martin Bangemann kämpft derweil an der Seite von Tyll Necker, dem Präsidenten des Bundesverbandes der deutschen Industrie. Sie treten für ein weitreichendes Liberalisierungs-Konzept ein. Stoiber und van Haaren sind entschieden dagegen, den Kommunikationsbereich der Post allein dem freien Spiel der Marktkräfte zu überlassen. Sie wissen wiederum jenen Teil der Industrie auf ihrer Seite, der als Lieferant der Behörde schon heute gute Geschäfte macht. Aus der „unheimlichen Allianz zwischen SPD, Gewerkschaften und Teilen der Großindustrie“, die Bangemann kritisiert, will sich CSU-Mann Stoiber gar nicht ausgeschlossen sehen. Eine Beseitigung des Netz- und Telephonmonopols der Post sei mit der CSU schlicht nicht zu machen, ließ er den Wirtschaftsminister wissen. Der habe, so wehrt Stoiber weiter ab, blauäugiges Vertrauen in die Allheilkraft des Marktes. Nur der Postminister, Christian Schwarz-Schilling, zieht es vor zu schweigen, während sich die anderen streiten.

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Für den Geschäftsführer der Wiesbadener Stiftung Nachbarschaftliche Träger, Volker von Thiedemann, ist das „ein klassischer Fall von Ritualmord“. Kaum hatte er, aus Berlin kommend, im April sein neues Amt angetreten, da durfte er schon nichts mehr entscheiden. Und nun will die konservativ-liberale Koalition in Hessen die Organisation Anfang September ganz auflösen, noch ehe sie überhaupt mit der Arbeit begonnen hat.

Im Juni vergangenen Jahres hatte die damalige rot-grüne Landesregierung die Gründung beschlossen und im November zehn Millionen Mark als Stiftungskapital zur Verfügung gestellt. Die neue Organisation sollte Häuser und Siedlungen aufkaufen, die vom Abriß bedroht sind. Auch die Förderung nachbarschaftlichen Wohnens stand auf dem Programm. Für diese Zwecke waren im Haushalt des hessischen Innenministeriums in diesem Jahr vierzig Millionen Mark vorgesehen.

Ein erstes großes Projekt stand bereits fest: die Heimatsiedlung in Frankfurt, einst vom Sozialarchitekten Ernst May geplant und nun aus der Verfallsmasse des gewerkschaftseigenen Wohnungsbaukonzerns Neue Heimat herausgekauft. Hier sollten neue Formen des Mietereigentums und der Mieterselbsthilfe ausprobiert werden.